Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück

Posted on 30. August 2010

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Der Original-Artikel erschien auf Free Range International: „One Step Forward Two Steps Back“, von Tim Lynch, 19.04.2009

Ein Schritt vor, zwei Schritte zurück

Hin und wieder stolpert man über eine Story, die tiefgehende Überzeugungen so gut veranschaulicht, dass man sie einfach weitergeben muss. Hier ist eine davon, und es ist eine traurige Erzählung über Inkompetenz, Risikoscheu und ganz einfach clownsartiger Blödsinnigkeit. Sie ist amüsant (schätz ich mal), aber auch so typisch dafür, warum wir in unserem Kampf um mehr Sicherheits- und Infrastruktur-Entwicklung in Afghanistan so wenige Fortschritte machen.

Die Story wurde von Ian Pannell von der BBC geschrieben, und beschreibt seinen Besuch bei den Amerikanern von der Botschaft in Kabul, die nach Mazar-e-Sharif flogen um zu einer Schuleröffnung zu fahren. Es ist eine nur zu bekannte Erzählung: Die Amerikaner überlassen die Briten ihren örtlichen Gastgebern und fahren in gepanzerten Geländewagen und vollständiger Sicherheitsbegleitung los. Eines der Fahrzeuge bleibt liegen, und alle drehen um, fahren zurück zum Flughafen und fliegen zurück nach Kabul. Die Briten kommen an, und, als die einzigen internationalen Gäste, springen für die Amerikaner ein. Nachdem sie die Ehrengäste beim Festmahl sind, das der Provinzgouverneur für diesen Anlass veranstaltet hat (wobei sie auch einen Chapan erhalten, was super cool ist), bekommen sie vom Gouverneur ein Auto samt Fahrer gestellt um zurück nach Kabul zu kommen.

Ich hab immer und immer wieder darauf hingewiesen, dass es keine Notwendigkeit für gepanzerte Fahrzeuge im Norden gibt – oder im Großteil von Afghanistan. Es ist sicherer für alle Beteiligten in ungepanzerten Fahrzeugen unterwegs zu sein, möglichst verteilt und am besten noch mit Einheimischen darunter. Aber das ist nicht was mich an diesem Artikel stört, sondern die Art und Weise, wie etwas offensichtlich wichtiges (Warum sonst von Kabul herfliegen?) einfach hingeschmissen wurde. Hier ist warum:

Wir haben dem Norden nicht soviel Geld, Ressourcen und Aufmerksamkeit aufgewandt wie im Süden. Der Süden ist mit Paschtunen bevölkert, der Norden (mit Ausnahme von Kunduz-Stadt) hat keine wesentliche Paschtunen-Bevölkerung – es sind Usbeken, Hazara und Tadschiken. Sie haben zum Großteil bei den Entwaffnungs-Programmen mitgemacht, aufgehört Mohn anzubauen, und mit der Zentralregierung zusammengearbeitet. Und wir behandeln sie wie ein Haufen unbedeutender Trottel. Der Gouverneur der Balk-Provinz und einige andere wichtige Afghanen haben viel Gesicht verloren, weil die „Profis“ unserer Botschaft es unmöglich fanden für zwei Stunden über schlechte Straßen zu fahren oder die Nacht in der Wildnis von Mazar-e-Sharif zu verbringen. Die Mission hat Vorrang, zum Teufel.

In verschiedenen vorangegangenen Posts und einige Male auf Covert Radio habe ich gesagt dass die Leute im Norden darüber wie man sie behandelt nicht amüsiert sind. Ihr alter Feind die Paschtunen werden reich vom Drogenhandel und erhalten mehr und mehr Gewehre und schwere Waffen. Die Leute im Norden kriegen ein paar schrottige Schulen, werden von der amerikanischen Botschaft ignoriert oder beleidigt, von ein paar Warlords und mehr als ein paar Verbrecherbanden ausgenommen. Und, ratet mal? Ich denke, ihnen geht langsam die Geduld aus.

Ein Grund, warum ich das annehme, ist die Knappheit von Feuerwaffen auf dem Markt. Es gibt internationale Sicherheitsfirmen, die alte sowjetische PSSh 41 Maschinenpistolen für Aufträge im Süden kaufen und verwenden. Die Preise für Munition aller Kaliber haben sich verdoppelt oder verdreifacht. Der Waffenmarkt wurde immer schon von Leuten aus dem Norden betrieben. Aber jetzt verkaufen sie nicht, und das können unmöglich gute Neuigkeiten.

Es ist Zeit, dass wir Ernst machen mit dem was wir hier tun – einen akzeptablen Endzustand definieren, auf diesen Endzustand hinarbeiten und abziehen. Eine der traurigen Tatsachen des Lebens ist, dass wir immer noch nicht geklärt haben warum wir eigentlich hier sind. Die gängige Meinung besagt, dass wenn wir verschwinden die Taliban zurückkehren, und mit ihnen Al Quaeda und dass sie Afghanistan als Ausgangspunkt für weitere Angriffe auf den Westen benutzen werden. Die Taliban werden hier nicht wieder an die Macht kommen – nicht in einer Million Jahre. Selbst wenn sie es täten wären sie nicht dumm genug Al Quaeda Unterschlupf oder Unterstützung zu gewähren. Wir haben Osama und seine überlebenden Anführer zu lebenden Toten reduziert, die ausflippen wenn jemand mit dem Handy zu nahe kommt oder ein Flugzeug über sie hinwegfliegt. Sie können genausowenig einen zweiten 11. September aus dem Hut ziehen, wie ich einen Diamanten aus einem Ziegenarsch ziehen kann.
Was kann in Afghanistan erreicht werden? Wir können Sicherheit bringen – etwas Infrastruktur aufbauen, und (am wichtigsten) das menschliche Kapital so gut fördern wie wir können. Das wird getan – das beste Beispiel sind die Afghanischen Spezialkräfte die durchgängig den Respekt und die Anerkennung der Bevölkerung genießen. Spezialkräfte-Teams haben ein Modell, und das beinhaltet mit ihren Schützlingen zu leben, zu arbeiten und sie zu betreuen, und zwar 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Wenn mir weiterhin Millionen in Afghanistan rein stecken, dann sollte jedes Programm dieses Modell kopieren. Es sollte einen oder mehrere Amerikaner auf Programm-Ebene geben, die mit den Afghanen arbeiten um sicherzustellen, dass sie das was sie tun sollen (Baumaßnahmen, Sicherheit, Polizeiarbeit etc.) auch tun. Und sobald wir das getan haben was wir zugesagt haben – die Straßen, die Brücken, die Dämme – sobald das getan ist, ist es Zeit für uns zu gehen. Inshallah werden wir das einsehen und entsprechend handeln, aber derzeit… Demnächst werden wir uns wohl über den Norden Sorgen machen müssen.

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