Ausgerechnet der Norden, Teil zwei

Posted on 3. September 2010

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Der Original-Artikel erschien auf Free Range International: „Northern Exposure Part Two“, by BOT, 02.03.2009.

Ausgerechnet der Norden, Teil zwei

Über die letzten paar Wochen habe ich eine Regionale Sicherheits-Bewertung („Regional Security Assessment“) in der ganzen Nord-Region durchgeführt. Ich bin mit minimaler Planung hinsichtlich der geographischen Ziele an die Sache rangegangen. Da sie nur von mir und meinem Fahrer durchgeführt wurde empfand ich nicht die Notwendigkeit für einen formalen, umfassenden Plan. Ein Fahrzeug, Karte, GPS, Arzttasche, Wasser, Fertigessen („MRE’s“), Schlafsack und persönliche Schutzausrüstung empfand ich als ausreichend um mich auf die Strasse zu wagen.

Unsere Reise begann mit der Absicht Sherberghan Stadt in der Provinz Jowzjan rund 140 km westlich von Mazar-e-Sharif zu erreichen. Eins meiner Ziele war zu versuchen ein Treffen mit General Dostum zu arrangieren und durchzuführen, aber der Plan ging nicht auf da er zu dem Zeitpunkt gerade in Übersee war. Also fuhren wir von Sheberghan weiter westwärts nach Andkhoy, Provinz Faryab, das etwa 75km von Sheberghan entfernt liegt. In Andkhoy entschloß ich mich Aqena zu besuchen, der Grenzübergang zwischen Afghanistan und Turkmenistan. Nur mit einer schlechten Karte, und ohne die Straßenqualität zu kennen, war das ein Schuss ins Blaue. Unterwegs liess ich meinen Fahrer Erkundigungen zu Entfernungen und anderen kleinen Details einholen, allerdings waren die Berichte sehr widersprüchlich (von 30 Minuten bis 2 Stungen, gute Strasse, schlechte Strasse). Es dauerte etwa anderthalb Stunden die Grenze zu erreichen. Als wir Aqena erreichten trafen wir einen Kontrollpunkt der Afghanischen Grenzpolizei an („Afghan Border Police Checkpoint“ – ABP CP), dessen Wachen etwas überrascht und verwirrt schienen warum und weswegen wir hier seien. Diese Gegend erhält nicht viel Aufmerksamkeit von der internationalen Gemeinschaft. Das erschien mir ein guter Zeitpunkt die Gelegenheit zu nutzen, und ich erkundigte mich nach einem Treffen mit dem Kommandeur des Grenzübergangs.

Der Kommandant lud uns bereitwillig ein, und obwohl der Kontrollpunkt gerade sein Mittagessen beendete, wies er eine seiner Wachen an meinem Fahrer und mir Mittagessen zuzubereiten – gebratenes Ei, Gemüse, frisches Brot und eine endlose Menge Chai. Während der kurzen Zeit die wir in Aqena waren unterhielt ich mich mit dem Kommandeur über zahlreiche Sachverhalte, von der Distrikt-Situation bis hin zu den anstehenden Wahlen.

Nach dem Ende unseres spontanen Treffens entschlossen wir uns nach Andkhoy zurückzukehren, und da wir noch etwa eine Stunde hatten, berieten wir uns unterwegs über den nächsten Abschnitt unserer Reise. Die Rückkehr von der Grenze verlief etwas schneller und flüssiger, da wir jetzt etwas vertrauter mit der Strecke waren. Etwas das uns unterwegs auffiel war, dass die nervöse Reaktion der Lastwagenfahrer auf einen SUV der sich mit großer Geschwindigkeit von hinten nähert. Das liegt daran, das diese Strecke (wie auch andere Grenzübergangs-Strassen im ganzen Land) oft Ort bewaffneter Kriminalität wird. Allerdings, sobald wird an den Lastern vorbei waren, wurde ein Winken und Lächeln gut aufgenommen.

Bis Mitte Nachmittag waren wir zurück in Andkhoy. Der nächste Abschnitt würde uns in den Süden der Provinz führen, wo deren Hauptstadt, Maymana, liegt. Das ist etwa 140km südlich von Andhkoy. Der Trip war ziemlich malerisch; die Strasse in gutem Zustand, so dass Geschwindigkeit kein Problem war. Es dauerte etwa eine Stunde Maymana zu erreichen. Als wir durch das südliche Faryab fuhren, und es mittlerweile schon zu spät am Tag war um noch richtige Treffen mit Leitern der Gesetzeshüter abzuhalten, hielt ich es für eine gute Gelegenheit mit den örtlichen Kommandeuren an verschiedenen Kontrollpunkten zu sprechen, und einige Informationen zu überprüfen und neue Informationen zu erhalten. Sobald wir unsere Runde beendet hatten war es Zeit in einem Wettlauf gegen den Sonnenuntergang nach Sheberghan zurückzukehren.

Der Plan war gewesen, dass wir in Sheberghan übernachten, allerdings hatte das Gästehaus, das wir organisiert hatten, kaum Schutzmassnahmen und ich hatte nicht den Eindruck, dass sich das Risiko lohnt, da Mazar-e-Sharif nur 140km südlich war. Die größte Gefahr für Internationale in dieser Region besteht darin Ziel von kriminellen Banden zu werden. Wir kannten niemanden in Sheberghan und konnten keine gute örtliche Einschätzung der Sicherheitssituation im allgemeinen und unseres empfohlenen Gästehauses im Besonderen bekommen, daher entschloss ich mich in der Dunkelheit nach Mazar durchzufahren. Die größte Sorge wenn man in dieser Region nach Sonnenuntergang unterwegs ist, ist die Möglichkeit von Schurken-Strassensperren auf dem Highway angehalten zu werden, welche normalerweise von bewaffneten Kriminellen bemannt werden, besonders in Gebieten wie dem Distrikt Chahar Bolak in der Provinz Balkh. Ein anderes Risiko besteht darin ins Kreuzfeuer zu geraten wenn Gruppen von Regierungsgegnern/Taliban („Anti-Government Elements“ – AGE, „Taliban“ – TB) Einrichtungen der Gesetzeshüter entlang des Highways angreifen. Solche Angriffe, die vor 2008 äußerst selten waren, ereignen sich immer häufiger entlang unserer geplanten Reiseroute.

Während wir durch den Distrikt Chahar Bolak unterwegs waren trafen wir auf zwei Personen auf der Straße, die aussahen wie Angehörige der Afghanischen Polizei („Afghan National Police“ – ANP). Wir kennen diesen Teil der Strecke ziemlich gut, und haben noch nie zuvor einen Kontrollpunkt in der Gegend gesehen. In einer solchen Situation gibt es nur eine Handlungsweise – da Wenden und Zurückfahren einen für mehrere Sekunden in Waffenreichweite bloßstellt (schicke J-Turns sind auf diesen schrottigen Straßen nicht drin, Kumpel) bleibt einem nur Gasgeben, die Waffe hochnehmen und bereit sein zu Reagieren wenn der Typ auf der Strasse versucht seine Waffe anzulegen. Verbrecherbanden sind berüchtigt dafür ANP-Uniformen zu tragen während sie ihren krummen Geschäften nachgehen, was der ANP auch wohlbekannt ist, die ihre nächtlichen Checkpoints immer zahlreich und mit vielen ANP-Fahrzeugen durchführt. Die zwei Männer vor uns, die meinem Fahrer aus dem Weg sprangen, waren eindeutig auf eigene Rechnung arbeitende Störenfriede.

Nachdem wir diesen unbekannten Kontrollpunkt hinter uns hatten, erreichten wir Mazar-e-Sharif sicher und ohne weitere Vorfälle.

Am nächsten Tag ging es weiter in die Provinz Sar-e-Pul, die etwa 200km von Mazar im südlichen Teil der Region liegt. Von der Provinz-Hauptstadt, die genauso heisst, ging es weiter in Richtung der Distrikte Sangcharak und Gosfandi um Erkundungen auf einer Strasse die zurück in die Provinz Balkh führt abzuschliessen.

Als wir in den Distrikt Sangcharak kamen wurde das Wetter immer schlechter, und wir entschieden uns den Rest der Strecke ausfallen zu lassen, da wir wegen der nassen Witterung deutlich langsamer vorankämen und wir bei Einbruch der Dunkelheit immer noch in abgelegenen Gebieten unterwegs sein würden, die nach Einbruch der Nacht häufiger Schauplatz von bewaffneten Kriminellen und AGE/TB-Aktivitäten sind. Einhergehend damit, wurde ein paar Tage vor unserem Besuch ein INGO-Fahrzeug („International Non-Government Organisation“ – internationale Nicht-Regierungs-Organisation) mit drei Auswanderern („expats“), von denen einer vermutlich ein Reuters-Reporter war, von Bewaffneten angehalten und ausgeraubt. Etwas das unsere Freunde aus der internationalen Gemeinschaft in den letzten Monaten versäumt haben zu bemerken (insbesondere in der Region Nord, wo Vorfälle überwiegend seltener sind im Vergleich zum Rest des Landes), ist, dass die Tage in denen man ohne entsprechende Vorsichtsmaßnahmen in den Distrikten auf zweitklassigen/abgelegenen Straßen unterwegs sein konnte abrupt zu Ende gehen. Das ist kein Taliban-Problem, sondern ist bewaffnete Kriminalität, welche die afghanischen Sicherheitskräfte nicht unter Kontrolle bekommen.

Nachdem wir die Entscheidung getroffen hatten uns zurückzuziehen machten wir uns auf den Heimweg nach Mazar-e-Sharif. Die verbliebene Mission wird in Bälde wieder aufgenommen. In diesen zwei Tagen (und es gab noch ein paar andere) haben wir etwa 1400km auf Haupt- und Nebenstraßen zurückgelegt, ruhige, mittleres Risiko wie auch gefährliche Gebiete. Dabei sollte man nicht vergessen, dass diese Aufgabe von zwei Leuten durchgeführt wurde (einem Fahrer und einem Schützen) – das ist etwas womit ich mich arrangieren konnte seit ich in Afghanistan unterwegs bin. Obwohl diese Zusammenstellung vielleicht nicht ideal ist, so hat sich gezeigt dass Missionen dieser Art so durchgeführt werden können ohne dass man jährlich Millionen Dollars für ein vielfaches an Auswanderer-Arbeitern („expat operators“) und unzählige gepanzerte Fahrzeuge ausgibt, die wenig mehr erreichen als auf den Straßen Staus zu verursachen und die örtliche Bevölkerung zu vergrätzen. Wie man bei FRI sagt … „kleines Profil = hohe Geschwindigkeit, wenig Widerstand“! Genau so wurde diese Aufgabe durchgeführt.

Zum Abschluss muss ich noch anmerken, dass die Haltung in Bezug auf Sicherheitsmassnahmen und -unternehmungen innerhalb Afghanistans immer ‚reaktiver‘ Natur gewesen ist. Und wenn ich das sage meine ich die gesamten Anstrengungen, sowohl militärische als auch zivile Organisationen. Im Gegensatz zu reflexartigen Reaktionen, welche meist darauf abzielen Vorfälle zu entschärfen die sich bereits ereignet haben, kann man auch die Initiative ergreifen, welche ein effektives Werkzeug sein kann um Ziele und Missionen zu erreichen. Das wird im nächsten Post ausführlicher behandelt werden.

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