Welten auseinander

Posted on 4. September 2010

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Der Original-Artikel erschien auf Free Range International: „Poles Apart“, von BOT, 27.10.2008.

Welten auseinander

Es war eine normale Samstag Nacht in Mazar-e-Sharif, ruhig, kalt, aber angenehm, als ich mit einem Freund in einem der wenigen Restaurants zu Abend aß, die sich auf Internationale spezialisiert haben – das Oak. Wir verbrachten die Zeit mit Smalltalk. Es war gegen Ende des Abends dass mein Kumpel einen Anruf von jemandem aus der internationalen Gemeinschaft bekam, der ihm mitteilte dass es einen Zwischenfall/Unfall gegeben hatte und er sofort Hilfe brauchte. Mein Fahrer, der draußen wartete, legte sofort los und wir düsten durch die Stadt um auszuhelfen.

Wir kamen an der Wohnung an, mein Begleiter nahm die Daten des Patienten auf und überprüfte seine Lebenszeichen. Ich untersuchte den Ort des Geschehens an und sah überall Blut – viel davon. Ich wußte dass es keine Zeit zu verlieren galt, das war ein waschechter (`Fair Dinkum`) MEDIVAC.

Zeit zum RC Nord aufzubrechen („to do a `Harry Bolt`“). RC (Regional Command) Nord ist ein ISAF-Stützpunkt in den Vororten von Mazar-e-Sharif. Es ist die einzige Einrichtung in der Region die medizinische Versorgung auf westlichem Niveau anbietet. Sobald wir aufgebrochen waren wies ich meinen Fahrer an aufs Gas zu drücken! Dies lag daran, dass der Verwundete eine große (aber nicht direkt lebensbedrohliche) Menge Blut verloren hatte. Außerdem rechnete ich damit dass es Dramen am Tor geben würde (da es um 2130 Uhr war), und außer wenn man direkten HF/VHF-Funkkontakt mit diesen Leuten hat bekommt man die übliche Tour.

Sobald wie den Eingang des RC Nord erreichten übernahmen die unveränderlichen Regeln von Murphys Gesetz. Ich setzte meinen örtlichen Fahrer ab und übernahm das Fahren um zeitraubende Überprüfung-Maßnahmen zu vermeiden, die angewandt werden wenn Afghanen auf den Stützpunkt kommen. Wir wurden von den Sicherungs-Soldaten (Force Protection, FP) gegrüßt, welche aus Kroatien waren. Diese FP-Leute waren tatsächlich sehr freundlich und hilfsbereit, und sie wußten genau was getan werden mußte, aber die Regeln und Richtlinien sind nicht so einfach. Sobald sie festgestellt hatten wer ich bin, wen ich dabei hatte und warum ich hier war, begann das ganze `Liaison-Drama`.

In den Minuten während ich auf die Freigabe zum Weiterfahren wartete konzentrierte ich mich auf den Verwundeten, überprüfte die Lebenszeichen und stellte sicher dass die Blutung unter Kontrolle blieb. Die FP kam immer wieder zurück um mir zu sagen „Das Krankenhaus antwortet nicht“! Sie wussten nicht weiter, wie wir weiter vorgehen sollten. Dies ist ein deutscher Stützpunkt; die Kroaten waren hier um den Perimeter zu bewachen und hatten anscheinend nicht den Luxus eigenständiger Entscheidungsbefugnis. Zwischen den Versuchen, sie zu überzeugen dass wir endlich weiter mussten, und dem Überprüfen der Lebenszeichen meines Patienten, wurde ich fuchsteufelswild, griff zu meinem Telefon und rief den medizinischen Direktor („Medical Director“ – MC) des RC Nord an. Das war eine Silberkugel die ich lieber nicht eingesetzt hätte, aber die Situation machte es erforderlich. Jemand in seiner Position ist normalerweise ziemlich beschäftigt mit seiner normalen täglichen Routine und dem Unterstützen von Kampfoperationen.

Er nahm meinen Anruf an, und sagte er würde uns sofort freigeben lassen. Dreißig Sekunden später kam der FP-Kommandant an um uns zum Krankenhaus zu begleiten. Wir brauchten die Eskorte auch, da wir deutlich schneller fuhren als auf dem Stützpunkt erlaubt. Wir kamen zum Krankenhaus und lieferten unseren Verletzten hastig ein. In Anbetracht unserer ‚V8 Super-Gasgeb-Geschwindigkeit` war es überraschend, dass schon eine Trage am Eingang wartete. Der gute Arzt hielt sein Wort und hatte, in weniger als einer Minute, der Krankenhaus-Belegschaft einen notwendigen Eindruck von Dringlichkeit vermittelt.

Die deutschen Mediziner bekamen die Blutung schnell unter Kontrolle und konnten unseren Freund zusammennähen und innerhalb einer Stunde wieder entlassen. Er kam mit einem guten, breiten Grinsen in der Visage raus. Wir fuhren aus dem Tor, gabelten meinen gewissenhaften Fahrer Nasser wieder auf, der zwar fror, aber froh war uns zu sehen, und fuhren zurück in die Stadt wo wir alle an ihren Wohnungen absetzten.

Der ganze Punkt dieses unglückseligen Ereignisses ist dies; wenn man einen Verletzten der Priorität 1 (lebensbedrohlich) oder Priorität 2 (lebens- oder gliedmaßenbedrohlich) hat, dann braucht es schnellen Zugang zu professioneller Versorgung. Diese Mission läuft seit sieben Jahren, und wir kriegen die grundlegenden Prozeduren immer noch nicht hin.

Dies ist nicht der einzige Ort oder Zeitpunkt, an dem ich diese Art Dilemma erlebt hab. Für uns ehemalige Soldaten, die von außen reinschauen, wirkt es so, als würden sich die internationalen Kontingente innerhalb der ISAF wenig bis gar nicht koordinieren. Der Ausdruck `Koalitionstruppen` („Coalition Forces“) hat wenig Bedeutung, wenn sie nicht als Einheit arbeiten können, und das hat sich immer wieder in diesem Konflikt gezeigt. Ich bin nur ehemaliger einfacher Soldat („enlisted soldier“), kein Offizier wie mein Kumpel Tim, und ich behaupte nicht über ein brilliantes Verständnis der Kriegskunst zu verfügen. Aber ich weiß dies, Kumpel – wenn man das Fehlen von Koordination bei einer Anstrengung dieser Größe sieht, dann verrät einem das was. Und normalerweise ist dies, das wir nicht eine einzelne, konzentrierte Mission haben, unter der wir planen und Operationen durchführen. Es gibt keine gemeinsame Führung („unity of command“) und keine gemeinsame Zielsetzung („unity of purpose“) – Konzepte die ich als Unteroffizier („NCO“) gelernt hab. Niederrangige Truppführer („junior enlistes leaders“) können die Wurzel unserer Probleme in Afghanistan sehen, warum kann unsere Regierung das nicht? Ich schätze, wie liegen Welten auseinander („Poles Apart“).

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Posted in: Übersetzungen