Lara schaut bei den Spezialkräften vorbei

Posted on 9. September 2010

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Der Original-Artikel erschien auf Free Range International: „Lara Does the Special Forces“, von Tim Lynch, 01.02.2010

Lara schaut bei den Spezialkräften vorbei

In meine morgendlichen Mails war auch eine von Mullah John, der auf Heimaturlaub („R&R“) ist. 60 Minutes hat gestern Nacht eine Sendung über die amerikanischen Spezialkräfte („Special Forces“, SF) gebracht, und die Episode war „entmutigend“, um den guten Mullah zu zieren. Nachdem ich sie gesehen hatte war ich sprachlos – es war schlimmer als „entmutigend“, es war schrecklich(„awful“), und ich meine damit, dass alles daran schrecklich war – von den Fragen die Reporterin Lara Logan stellte, bis zum Verhalten der „Stillen Profis“ sowohl im Training als auch im Kampf, die ganze Episode war schrecklich und ein roter Faden nicht zu erkennen. Man weiß nicht was man sagen soll wenn man solches Zeug sieht, aber nicht zu wissen was zu sagen hat mich noch nie abgehalten, also…

Die Episode wurde mit „Die Stillen Profis“ betitelt, was natürlich ein großartiger Name für eine Organisation ist, die 60 Minutes zu einem zweimonatigem Embedd einlädt. Klickt oben auf den Link um das Teil anzuschauen, denn ich glaube nicht, dass irgendwer der dieses Blog liest die Sendung aufgeschnappt hat als sie gestern Nacht auf CBS lief, bekannt für journalistischen Betrug seit Dan Rather’s guten alten Tagen. Aber es gab keinen Betrug in dieser Episode, außer man zählt die ganze Episode als Finanzbetrug… Ich mein, zwei Monate Embedd und das ist das Ergebnis? Dreizehn Minuten über Lara wie sie mit den Spezialkräfte-Typen flirtet? Wie ein Kommentierender auf der CBS-Webseite über Lara’s Performanz anmerkte, „Es ist als ob man einem Kind zuhört wie es Schwarze Löcher erklärt.“

Natürlich hat die Episode all den nervigen Schrott den man mit Spezialkräften assoziiert – nur den Vornamen benutzen, Sonnenbrillen tragen um die „Identität zu schützen“, das digitalisieren von all denen die keine Sonnenbrillen auf haben, als ob die Taliban einen Zweig in Amerika hätten, der diesen Typen irgendwann nachstellen würde. Die Taliban spüren ANA-Kommandosoldaten in ihren Heimatdörfern auf und bringen sie um, aber keiner der ANA-Kommandos bekam sein Gesicht digitalisiert oder seine Identität verborgen. Typisch, aber so sind halt die „besonderen Leute“. Die 60 Minutes-Crew hielt drei Schießereien auf Band fest, die es alle in die Sendung geschafft haben. Die erste war einer der SF-Teamführer, der während eines Kommandounternehmens von einem seiner afghanischen Soldaten angeschossen wurde. Die zweite war von einem Afghanischen Kommandosoldaten („Afghan Commando“), der sich selbst während einer anderen Mission in den Fuss schoss. Und die letzte Schiesserei ging von einem Mitglied des SF-Teams aus, der zwei Kinder auf der Rückbank eines Fahrzeug anschoss, das sich dem Dorf näherte in dem der Rest des Teams dabei war „einen wichtigen Taliban-Kommandeur zu fangen“. Er schoss auf ein näherkommendes Fahrzeug mit einer schallgedämpften Waffe um es zu warnen anzuhalten… großartiges Denken, aber Lara schien nicht zu bemerken wie falsch das war, immerhin war der Schütze ein traumhaft, mehr als 6 Fuss großer, 200+ Pfund schwer und konnte sein zweifaches Körpergewicht stemmen!!!!!! Aber wir werden dazu, und zur Erschießung eines Immans in Kabul letzte Woche, später nochmal kommen.

Lara war letzten Sommer hier unten im Osten der Provinz Nangarhar, wo sie mit dem örtlichen PRT in einem Konvoy aus 8 gepanzerten Fahrzeugen („Mine Resistant Ambush Protected Vehicles“ – MRAPs) zu einem CNET-Projekt fuhr. Was zum Teufel wird man schon groß rausfinden, wenn man eine der drei Straßen in Nangarhar langfährt die ein MRAP aushalten können? Die Tatsache, dass es der PRT-Kommandeur in Nangarhar nach neun Jahre in diesem Schlamassel immer noch nötig hat in einem Konvoy aus acht gepanzerten Fahrzeugen herumzufahren, ist die eigentliche Nachricht, nicht was CNET an diesem Tag vorhatte. Aber ich drifte ab…

Alles was die „Stillen Profis“ in dieser Geschichte taten war lächerlich, vom Schießen auf Ziele am Ende der Schießbahn, während Afghanen direkt daneben standen, bis hin zum Schreien von Obszönitäten, sie „Schwachmaten“ („Fucktards“) nennen, und Gruppenbestrafungen anzuordnen weil sie den „Laden, Entladen“-Drill nicht meistern konnten, etwas, wovon ich aus Erfahrung weiß, dass es der durchschnittliche 11-Jährige mit professioneller Anleitung in unter einer Stunde hinkriegen kann. Ich könnte dieses Werk Punkt für Punkt durchgehen, und mich über Zitate auslassen, etwa dass Bart-Tragen „ein Zeichen von Respekt unter den Einheimischen“ sei – kompletter Bullshit – aber warum sich was draus machen? Das Stück spricht für sich selbst, also zurück zu diesem Schiesserei-Kram.

Was hätte der Typ tun sollen wenn sich eine Wagenladung Männer mit „hoher Geschwindigkeit“ nähert? Er hätte tun sollen was ich tue – mit einem fetten, freundlichen Wolfsgrinsen auf die Straße treten, die Hand hochhalten, sie anhalten lassen und ihnen sagen dass sie warten sollen bis die Amerikaner fertig sind. Es ist so einfach – die größte Waffe die wir Amerikaner in Afghanistan haben ist ein warmes Lächeln und die Fähigkeit wenigsten „Tsenga Ye?“ („Wie geht’s Dir?“ in Paschtu) zu sagen. Aber man kann solche umgebungsabhängigen Entscheidungen nicht automatisch treffen wenn man die Umgebung nicht kennt. Und man kann die Umgebung nicht kennen, wenn man nicht 24/7 darin lebt.

Baba Tim, fragt ihr jetzt, was wenn der Wagen voller Taliban-Bewaffneter gewesen wäre? Für sowas gibt es Ferngläser. Läßt man das außen vor, sagen wir die kommen mit dem Wagen angefahren, und ich steh hier mit bereitgehaltener Donnerbüchse – was sollen sie groß tun? Wie lange brauchen die um aus dem Wagen zu kommen und die Waffen in Anschlag zu bringen? Und wie lange brauche ich mit meiner? Der SF-Typ wußte offensichtlich mit seiner umzugehen – das konnte man im Filmmaterial zum Schießstand sehen – und er hat den Vorteil ihnen gegenüber. Eine Wagenladung voller Feinde ist ein leichtes Ziel wenn man im Freien ist und mit bereiten Waffen in Handgranatenreichweite auf sie wartet. Das ist nicht der Fall wenn sie in einiger Entfernung anhalten und vom Wagen absitzen, was meinem Verständnis nach der Modus Operandi der Taliban ist. Aber der Wagen tat das nicht – er fuhr einfach die Straße lang so schnell wie diese Lehmpiste das erlaubte bis die Kinder auf dem Rücksitz zu schreien anfingen und ein verrückter Amerikaner auftauchte und auf sie zugelaufen kam. Der Fahrer wird keine Schüsse aus einer schallgedämpften Waffe hören können, solange er also nicht sieht was ihm zum Anhalten bringt scheint das ganze Schießen also etwas sinnfrei.

Es gibt einen weiteren Aspekt dieser Geschichte, den ich als Berufsmilitär („military professional“) tief beunruhigend finde. Der SF-Typ schießt einem vierzehn Jahre altem Kind genau in die Brust, mit seinem Haupt-Kampfgewehr auf eine Entfernung von unter 50 Metern, und wenn er zum Fahrzeug läuft steht das Kind wieder auf und legt los? Zum Teufel, was für ein Kampfgewehr benutzen wir heutzutage? Nicht falsch verstehen, ich war sehr froh dass das Kind überlebt hat, und so ging es auch dem Typ der es angeschossen hat und allen anderen Beteiligten. Aber wenn man jemandem mit einem Militärgewehr in die Brust schießt soll der hopsgehen und auch hops bleiben. Welche Hülse, Lauflänge und Schaldämpfer-Kombination das Team verwendet ist offensichtlich weniger als ausreichend. Sie sollten 7.62x51mm-Patronen und -Waffen tragen. Wenn sie alle das Zweifache ihres Körpergewichts stemmen können, dann können sie auch mit zwei Pfund mehr an passenden Waffen und Munition klarkommen. Sie können dann vermutlich auch mit der Belastung klarkommen, die durch das Tragen von Ferngläsern anfällt – Kinder umzubringen ist schlecht für die Moral, insbesondere wenn es sich durch standard Infanterie-Techniken vermeiden ließe, wie Freund-/Feinderkennung mit besagten Ferngläsern. Noch besser, sie könnten sich entschließen sich genug Zeit zu nehmen um richtige Missionsbesprechungen („raid orders“) mit Bestätigungen („brief backs“) und Inspektion durchzuführen… oh, richtig, sie sind ja „besondere“ Leute, die standard Grundtaktiken („‚leg‘ tactics“) wie man sie in der Ranger-Ausbildung lernt schon weit hinter sich gelassen haben, sorry, hab diesen Teil vergessen. Man muss ein Ninja-Master zehnten Grades sein um einen Zwei-Mann-Sicherungsauftrag durchzuziehen indem man auf der Straße tagträumt – wir normale Infantery-Typen haben diese fortgeschrittenen Taktiken einfach nicht drauf.

Was uns zu den neusten schlechten Nachrichten aus Kabul bringt, dem Erschiessen eines wichtigen Imams, der in seinem Auto mit ein paar seiner Kinder unterwegs war, als ihn ein Konvoy auf der Jalalabad-Straße tot schoss. Angeblich hat er nicht abgebremst als er sich dem Konvoy näherte, was die Standard-Geschichte ist, die man jedesmal von der ISAF zu hören bekommt wenn sie eine Wagenladung unschuldiger Zivilisten zusammenschießen. Ich denke der Body Count ist derzeit weit über 600, und keiner dieser Unglücklichen hat nach afghanischen Fahrgewohnheiten etwas ungewöhnliches getan. Man kann das hier nachlesen, auch wenn diese Nachrichtenmeldung behauptet der Wagen wäre geparkt gewesen. Das ist aber zu schwer zu glauben, und das örtliche afghanische Militär war seit dem Vorfall eifrig dabei seine Version der Geschichte rauszubringen, und ihre Fakten klingen viel plausibler als die WaPo-Geschichte.

Hier ist der Punkt – mir fällt kein Zwischenfall ein, bei dem sich ein Selbstmordattentäter in Afghanistan in die Luft gesprengt hätte während Passagiere im Auto waren. Mir fällt auch kein Zwischenfall in Afghanistan ein, bei dem ein militärischer Fahrzeugschütze erfolgreich einen Selbstmord-Bomber davon abgehalten hätte in seinen Konvoy zu fahren. Dieser Einsatz von Waffengewalt („Escalation of force“) war sinnlos. Ich kann mich an Beispiele erinnern, bei denen Fahrzeugschützen die sich aus der Luke streckten um Fahrzeugbomben-Fahrer („Vehicle Borne Improvised Explosive Devices“ – VBIEDs) abzuwehren getötet wurden, während der Rest der Besatzung die Explosion ohne Verletzungen überlebte. Sie wären nicht getötet worden wenn sie sich ins Fahrzeuginnere geduckt hätten. Ich mag mutige Kämpfer genauso wie jeder andere auch, und ich bewundere den Mut den diese Kids zeigten als sie versuchten ihre Kameraden zu schützen. Aber diese Waffeneinsatz-Taktiken („escalation of force tactics“) die derzeit verwendet werden sind dumm und sollten sofort geändert werden. Was sich in Kabul ereignete war Mord – das Erschießen eines Fahrers der ein Auto voller Kinder hat läßt sich unter keinen Umständen rechtfertigen. Wir haben zuviel Geschichte hier, und wir sollten wissen wie ein VBIED aussieht – diese Schießerei ist genauso dumm wie die Schießerei der Italiener letzten Sommer in Herat, und die der Blackwater-Typen in Kabul letztes Frühjahr.

Wißt ihr, was der Unterschied zwischen den Blackwater-Auftragsarbeitern („contractors“) und den diversen Armee-Leuten ist die unbewaffnete Menschen erschossen haben? Die Blackwater-Typen sehen sich mit zwei Mordanklagen konfrontiert – was sie auch sollten – die Armee-Leute müssen sich vor ihrer Befehlskette verantworten – was sie auch tun sollten – denn so sollen militärische Operationen auch ablaufen, wenn man Mist baut und Unschuldige tötet wird damit nach den etablierten Methoden verfahren. Wenn wir Auftragsarbeiter („contractors“) Mist bauen verantworten wir uns vor dem Gastland, was uns nicht nur langsamer am Abzug macht, sondern auch viel bewußter für unsere Umgebung.

Jedes Mal wenn man eine Geschichte in der Zeitung über Subunternehmer („contractors“) liest, ist die „Tatsache“, dass „sie über dem Gesetz stehen und sich nicht wie das Militär an Regeln halten müssen“ ein zentrales Thema. In Afghanistan steht diese gängige Meinung 180 Grad zur derzeitigen Situation vor Ort. Ich bin von der afghanischen Regierung lizensiert in Afghanistan Waffen zu tragen und jedesmal Rechenschaft schuldig wenn ich meine Waffen einsetze. Hätte ich auf Menschen geschossen wie der SF-Typ in der Nachrichten-Geschichte oder wie der Fahrzeugschütze in Kabul letzte Woche, dann würde ich den Rest meiner Tage im Pul-e-Charki-Gefängnis verbringen. So laufen die Dinge hier auf Planet Erde, egal was ihr in der internationalen Presse über bewaffnete Subunternehmer hören mögt.

Wenn man hinter Mauern lebt wird alles auf der anderen Seite der Mauer zur Bedrohung. Wenn man seine Kräfte von der Bevölkerung isoliert die man eigentlich „beschützen“ soll, dann fehlt diesen Kräften die Fähigkeit Freund von Feind zu unterscheiden, Bedrohung von normaler Routine, die Guten von den Bösen. General McChrystal kann soviel labern wie er will, über die Wichtigkeit von „COIN“ und „die Bevölkerung kennen lernen“ bla bla bla… Es macht keinen Unterschied, denn er legt die Einsatzregeln fest, und unter diesen Regeln dürfen keine konventionellen amerikanischen Truppen die FOB („Forward Operation Base“ – Feldlager) verlassen solange sie nicht mindestens vier gepanzerte Fahrzeuge („MRAPs“) und 16 Schützen umfassen. Wie soll man „die Bevölkerung schützen“ wenn man nur in großen, an Straßen gebundene Konvoys unterwegs sein darf? Wie kann man „die Bevölkerung schützen“ wenn jede Nacht alle wieder im Riesen-Feldlager („big box FOB“) sein müssen um Eis und Kuchen zu futtern.

Diese SF sollten eigentlich diejenigen sein, die wissen wie man außerhalb der großen Basen mit der örtlichen Bevölkerung operiert, aber ist euch aufgefallen wo sie leben? In einem Riesen-Feldlager, isoliert und entfernt von ihren afghanischen Schützlingen – was ziemlich offensichtlich war da niemand von ihnen ein Wort Dari oder Paschtu sprach. Meine Kindern können eine formelle Begrüßung durchstehen, und die waren nur für ein paar Monate hier – es ist nicht so schwer solche Sachen zu lernen wenn man in der örtlichen Umgebung lebt. Diese SF-Teams sollten hier draußen sein, freilaufend („free ranging“) mit Typen wie The Bot, Mullah John, Panjiwai Tim und mir selbst. Das sind gute Truppen, denen von Kommandeuren, die sie isoliert und getrennt von der Bevölkerung halten, die sie schützen sollen, schlecht gedient wird. Sie werden nie in der Lage sein, ein Gefühl für die Situation zu entwickeln, wie es für echtes COIN benötigt wird, wenn sie auf den Riesen-Feldlagern eingesperrt bleiben. Das ist die tatsächliche Story, und wie immer haben die Massenmedien („Main Stream Media“ – MSM) sie verpaßt.

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