Machbarkeitsnachweis

Posted on 14. September 2010

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Der Original-Artikel erschien auf Free Range International: Proof of Concept, von Tim Lynch, am 03.06.2009.

Machbarkeitsnachweis

Ich hab letzen Herbst mit dem Schreiben angefangen, weil es frustrierte zu sehen wie unsere Anstrengungen in Afghanistan zu einer andauernd negativen Entwicklung führten. Obwohl ich versucht habe einiges Positive aufzuzeigen, wie nächtliche Platoon-Hinterhalte oder die vortrefflichen Leistungen von Entwicklungsprogrammen wie sie Länder wie Deutschland oder Japan durchführen, so ist der generelle Trend meiner Posts doch negativ gewesen. Dieser Trend spiegelt die Nachrichten wie auch den derzeitigen Spielstand („state of play“) in Afghanistan wieder, aber er ignoriert auch das viele Positive das sich über die Jahre ereignet hat. Ich bleibe ein Kritiker was Antrieb und Effizienz unserer Stabilisierungsoperation („stability operations battle“) angeht, aber die Ringstraße ist geteert, mehr und mehr Haushalte haben Zugang zu Strom, und Millionen von Afghanen führen ein deutlich verbessertes Leben aufgrund der Anstrengungen der US-geführten Koalition. Die vielen verschiedenen Organisationen, die Wiederaufbau, Wiederentwicklung und all die anderen Hilfsformen im Land durchführen (alle würden wohl unter die Definition von Stabilisierungsoperationen in der amerikanischen Militärdoktrin fallen) haben einen spürbar positiven Einfluss auf das Leben eines guten Anteils des afghanischen Volks.

Aber geringfügige Änderungen („changes at the margin“) in dieser späten Stufe des Spiels sind nur etwas mehr als wertlos. Ich bleibe ein Verfechter radikaler Änderungen wie wir Stabilisierungsoperationen angehen, und bin derzeit in ein Projekt eingebunden, dass ich als Machbarkeitsstudie für den Weg nach vorn sehe. Ich arbeite derzeit für eine kleine amerikanische Firma mit einer langen Geschichte in Afghanistan. Sie hat 1997 getrocknete Früchte und Granatäpfel exportiert, und ist seit 2001 ein wesentlicher Mitspieler im Süden geblieben. Sie wurde beauftragt Geld-für-Arbeit-Projekte in den größten der umkämpften städtischen Gebieten in Afghanistan anzubieten – ein sechsmonatiges Projekt entworfen um Geldzahlungen für die Ärmsten der Armen anzubieten, während gleichzeitig diese Gemeinden mit einer Arbeiterschaft versorgt werden um große, wenig attraktive Projekte wie Kanalreinigung, Müllräumung und öffentliche Gesundheitinitiativen anzubieten (etwa alle flachen Brunnen der Stadt während eines Ausbruchs von wasserübertragenen Krankheitserregern zu behandeln). Das Programm hat eine 80/20 Aufteilung – 80% des Geldes wird für das Bezahlen der Arbeit aufgewandt, 20% für Projektmaterial – Das einzige Geld das bei diesem Programm das Land verläßt ist das Gehalt der Projektleiter und der philippinischen Finanzbuchhalter. Es gibt keine Sicherheitsteams, keine gepanzerten Fahrzeuge, keine bewachten Anwesen, kein nix – nur ein kleines Handgeld („life support payment“) für die zwei Internationalen um Gästehaus-Zimmer zu mieten und für Essen zu zahlen. Die Projektleiter sorgen für ihre eigene Sicherheit. Es es gibt einen Kanadier, einen Australier, einen Südafrikaner und mich selbst die Kandahar, Lashka Ghar, Tiran Kot, Gardez und Jalalabad betreuen. Alle von uns sind alte Afghanistan-Arbeiter mit mindestens drei Jahren Erfahrung im Land. Ich habe Jalalabad, welches von Jenseits-des-Perimters-Typen als sicher eingeschätzt wird, und Gardez, welches kein sicherer oder leichter Ort zum Arbeiten ist. Kandahar, Lash und TK werden alle als extrem unberechenbar eingeschätzt, und obwohl es viele Internationale gibt die in diesen Städten arbeiten, so reist von denen doch niemand wie wir, arbeitet wie wir oder interagiert mit den Bewohnern wie wir.

Unser Programm läuft seit zwei Monaten, und die Ergebnisse haben die Erwartungen übertroffen. Wir führen umfangreiche Säuberungen kritischer Kanäle durch, entfernen Tonnen giftigen Schlamms aus den Hauptkanälen die alles Bewässerungs- (und manchmal auch Trink-)Wasser in diese städtischen Zonen leiten, die Gebiete intensiver Landwirtschaft sind. Wir entfernen Tonnen an Abfall von den städtischen Straßen, wir haben Teams die täglich öffentlichen Gesundheitsunterricht durchführen, und wir beobachten die tausenden flacher Brunnen, die Trinkwasser für die Stadtbevölkerung liefern. Es hat hunderte Entwicklungshelfer („aid workers“) und wahrscheinliche tausende Militärleute die den Job genauso gut oder wahrscheinlich besser als wir durchführen könnten. Aber sie genießen nicht die Bewegungsfreiheit, welche eine fundamentale Voraussetzung für effektives Zustellen der Hilfe („aid delivery“) sind. Sie würden genauso wie wir operieren wenn sie könnten – aber sie können das nicht aufgrund derzeitiger Eigenschutz-Regeln, welche unseren Hilfspaketen Milliarden an unnötigen Kosten hinzufügen.

Macht euch bloß keine falschen Vorstellungen, das ist Kleinkram („work at the margins“) im Gesamtbild („overall scheme of things“). Unsere gesamten Projektausgaben liegen im Bereich von 20 Million Dollar, und das ist nicht mal „richtiges Geld“ für die Riesenfirmen die normalerweise die bevorzugten Umsetzer für Projekte von US AID oder Außenministerium sind. Es gibt viele (mich selbst eingeschlossen) die glauben dass die lange etablierte internationale Praxis, Geld an verarmte Nationen zu geben, mehr Schaden anrichtet als sie hilft. Das Buch zum Thema wurde von einer Afrikanerin geschrieben die selbst direkt von kanadischen Hilfsprojekten profitierte und jetzt die kanadische Staatsangehörigkeit hat. Sie glaubt, dass internationale Hilfe viele Länder in Afrika zerstört hat und denen, denen geholfen werden sollte, viel Leid zugefügt hat. Ich halte ihre Behauptung für selbsterklärend.

Ich konnte letztes Wochenende in Kandahar mit ein paar meiner Kollegen verbringen – einer ein ehemaliger Soldat mit beträchtlicher Kampfzeit in der Provinz Kandahar und der andere ein Südaftikaner der mehr als fünf Jahre im Land ist. Diese Leute sind sehr gut, und da sie täglich in und um Kandahar operieren ziehen sie es vor anonym zu bleiben. In diesen Gegenden zu arbeiten braucht eine bestimmte Sorte Können, die nur durch Erfahrung vor Ort gelernt werden kann. Unser Boss hat einen Fotografen eingeladen mit uns mitzukommen und die Kandahar-Projekte zu dokumentieren. Regelmäßige FRI-Leser werden geschockt sein, dass dieser Fotograf niemand anderer war als Amy Sun – die MIT FABLAB-Koordinatorin, die anscheinend den Boss überredet hat eine FabLab-Erweiterung in die umstrittenen Gebiete zu unterstützen. Einen Projekt-Ort mit einer Fotografin aufzusuchen ist ein No-Go. Kandahar ist ein deutlich anderer Ort wo der religiöse Fundamentalismus immer noch gedeiht (was auf den Großteil des Landes nicht zutrifft). Also kleideten meine beiden Gastgeber Amy in Jungen-Shalwar Kamiz und bedeckten ihr Gesicht mit einem Turban. Sie sah genauso aus wie der jugendliche Hazara-Wirt den wir damals 2005 im Global House hatten. Der Junge machte die besten Gin-und-Tonics die ich je probiert hab – eine Fähigkeit die man hervorragenden MIT-Doktoranden („MIT PhD a type“) nicht beibringt, was deren Nützlichkeit etwas einschränkt. Wir brauchten drei Fahrzeuge für nahe, mittlere und weite Absicherung um den Fototermin hinzukriegen, aber ihr hättet nie alle drei Fahrzeuge ausgemacht, selbst wenn ihr gewußt hättet dass es sie gibt. Wir fahren langsam, in örtlicher Kleidung, in alten aber gut gewarteten Fahrzeugen. Wir haben keine sichtbaren Waffen – alle Gewehre bleiben beim weiten Sicherheitsteam. Wir narren niemanden sobald wir die Fahrzeuge verlassen, aber das ist auch nicht der Kern – zu vermeiden erkannt zu werden während wir in der Stadt unterwegs sind ist das Ziel, und meine Kollegen haben daraus eine Wissenschaft gemacht.

Unsere Projekte sind so angelegt, dass sie zeigen dass regionale Hilfsprogramme schnell und effizient durchgeführt werden können, indem man die sehr kompetenten örtlichen Talente nutzt die wir in den letzten sieben Jahren ausgebildet haben. Das ist der erste Schritt in was ich als den einzigen vernünftigen Weg vorwärts sehe. Der nächste Schritt wäre unsere Projektteams mit kleinen Einheiten Infanterie zu kombinieren und diesen Teams zu erlauben aus befestigten Villen zu operieren. Die Hilfs-Gemeinschaft („aid community“) tut das seit Tag eins, und das ist der einzige Weg der die Präsenz, Sicherheit und Schau von Verbindlichkeit („demonstration of commitment“) bietet die benötigt wird um die Bevölkerung auf unsere Seite zu bringen. Unsere derzeitige Aufstandsbekämpfungs(COIN)-Doktrin ist in diesem Punkt sehr spezifisch, aber unsere Stationierung vor Ort ist großteils in großen Feldlagern („big box FOB’s“).
Während ich in Kandahar war konnte ich meinem alten Freund Colonel Duffy White abstatten, welcher die Marines Special Purpose Task Force leitet. Er hatte eine Besprechung („out brief“) mit LtCol Dave Odom, befehlshabender Offiziert des 3. Batallions der 8. Marineinfanterie. 3/8 hat während seiner Zeit hervorragende Arbeit geleistet und ihre Akte weist sie als eine der besten Kampfbataillone aus das die Marines je hatten. Ich kannte Dave als Leutnant beim Infantrie-Offiziers-Kurs wo ich das Glück hatte sein Ausbilder zu sein. Er hat damals herausgestochen, und sich zu einem der befähigteren Kommandanten seiner Generation entwickelt. Das sagt etwas, denn die Marines haben durchgehend fähige Gefechtsführer („combat leaders“) in der Anfangsphase dieses langen Konflikts ins Feld geschickt. Ich Schwachkopf („Knucklehead“) hatte keine Kamera dabei – es war so befriedigend zu sehen wie solch gute Freunde nach all den Jahren so gut klargekommen. Mit Glück werd ich bald nochmal nach Kandahar gehen können und etwas Zeit haben um mit den Marines über ihre Sicht der Afghanistanmission reden zu können.

Ich hatte auch das Glück Mathew DuPee vom Programm für Kultur- und Konfliktstudien an der Naval Postgraduate School über den Weg zu laufen. Wir hatten seit Monaten korrespondiert, aber uns nie getroffen. Sein Programm hat eine exzellente Menschliches-Terrain-Webseite („human terrain“) zu Afghanistan, welche man hier finden kann.

Ein Aspekt der derzeitigen Überlegungen zu Afghanisten, der zu fehlen scheint, ist die Tatsache, dass die derzeitigen finanziellen Aufwendungen nicht ewig aufrechterhalten werden können. Wir schütten mehr und mehr Soldaten in das Land, aber nur sehr wenige davon werden Einfluss auf unsere Fähigkeit haben Sicherheit und Entwicklung zu den Leuten zu bringen. Wir haben ein zu großes Schwanz-zu-Zahn-Verhältnis; wenn man Truppen ins Land schickt muss man sie ernähren und unterbringen, und derzeit wird jedes Gramm Essen das die jeweiligen Militärs („repective militaries“) verzehren von weither eingeflogen. Wir versuchen den Afghanen zu erklären dass sie aufhören sollen Mohn anzubauen, und stattdessen Früchte und Gemüse für den Export pflanzen, aber wir würden das Zeug das sie anbauen nicht mal kaufen um unsere Truppen zu ernähren. Dieser teuflisch teure logistische Schwanz – der bestenfalls heikel ist, da er zum Großteil durch Pakistan verläuft – könnte schnell verkleinert werden indem man die Kampftruppen („combat troops“) von ihren Posten abzieht und ihnen erlaubt über die örtliche Wirtschaft untergebracht und ernährt zu werden. Wenn man grade dabei ist würde es eine gute Idee scheinen, die meisten der 40-irgendwas zusätzlichen ISAF-Mitglieder nach Hause zu schicken. Sie können nicht kämpfen, sie können sich nicht selbst versorgen/unterstützen („support“), sie bleiben großteils hinter ihrem Perimeter, und es sind nicht die richtigen Truppen um sie bei einer Aufstandsbekämpfung („counter insurgency“) durchs Land fahren zu haben.

Eine funktionierendes zivil-militärisches Team sollte um einen soliden Infanterietrupp herum aufgebaut werden, mit angeschlossenen Afghanen und bewaffneten Aufragsarbeitern welche die Hilfe umsetzen („aid implementation contractors“). Die Afghanen und Auftragsarbeiter sind nötig um Expertise und Kontinuität sicherzustellen. Aber hier ist der Haken – die Afghanen müssen so motiviert sein wie die derzeitigen Spezialkräfte der afghanischen Armee („Afghan Army Commandos“), was tägliche Beratung/Aufsicht („mentorship“) und erhöhtes Gehalt bedeutet. Einer der Gründe warum die afghanischen Spezialkräfte so gut sind ist, dass sie mit ihren amerikanischen SF-Lehrer trainieren, kämpfen und leben, und die Bande die sich durch geteilte Härten und die Unbill des Krieges gebildet haben. Die afghanischen Truppen die man für diese Art Aufgabe auswählt, filtert und trainiert könnten genauso formidabel sein wenn man sie richtig behandelt und bezahlt.

Ich habe keine Idee wie unser Feldzug in Afghanistan enden wird, aber eins ist sicher, und das ist, dass wir sowohl ändern müssen wie wir an die Bekämpfung des Feindes herangehen, als auch das Umsetzen von Hilfe. Inshallah wird ein System versucht, dass dem ähnelt das ich mir vorstelle. Es würde die Kosten reduzieren, die Verwundetenzahlen senken und dem durchschnittlichen Afghanen der in umstrittenen Gebieten wohnt zeigen, das wir es mit dem schaffen

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