Die Piraten von Pogadishu

Posted on 5. Oktober 2010

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Der Original-Artikel erschien auf Afghan Quest: The Pirates of Pogadishu, von Old Blue, am 15.08.2009.

Die Piraten von Pogadishu

Wegen des kürzlichen Trips in die Provinzen mußten wir durch das Raum/Zeit-Portal mit dem Namen Bagram, welches von einigen derjenigen, die außerhalb der Perimeter operieren aber häufiger damit in Kontakt kommen, auch „Pogadishu“ getauft wurde. Wie viele andere angemerkt haben, ist es eine Welt die vom Krieg durch Millionen Meilen an kulturellem und taktischem Vakuum getrennt ist. Ein Raketenangriff auf die Basis in der kürzeren Vergangenheit hat die Einwohner dieser sprießenden Stadt von Zehntausenden daran erinnert dass ein Krieg stattfindet… aber auf einer täglichen Basis könnte man es nicht vom Disney Drive unterscheiden.

Man könnte es auch nicht aus dem Verhalten derjenigen, die den Ort betreiben, schlussfolgern.

Egal ob in der Wirtschaft oder im Krieg, es werden Verfahrensweisen entwickelt. Verfahrensweisen sind was Bürokratien durchführen. Bürokratien werden geschaffen um Menschen zu dienen, aber sie existieren um Verfahrensweisen umzusetzen. Sobald eine Verfahrensweise entwickelt wurde, wird sie das Ziel, der Sinn. Die Menschen und ihre Bedürfnisse, für welche die Verfahrensweisen entwickelt wurden um ihnen möglichst effizient zu dienen, werden zum Störfaktor im System („the pain in the system“). Genau jene Notwendigkeiten die das Biest hervorbrachten werden zu den Flöhen in seinem Pelz, welche das Biest in den Wahnsinn treiben. Fügt man noch etwas Paranoia hinzu, und man hat nicht nur ein Biest das unbeholfen und unproduktiv ist, sondern sogar kontraproduktiv und gefährlich.

Pogadishu ist die Petrischale der Fobbitry. Den ganzen Tag über kann man seine Einwohner antreffen wie sie sorgenfrei die Hauptraße, Disney Drive, entlang spazieren, oft in Trainingskleidung („PT gear“), oder jener des Dienstzweig der sie zu ihrer Tour hier verurteilte. Es gibt zwei Supermärkte („PX’s“), Kinos, die berühmte Muschel (?, „clamshell“) wo sie Karaoke-Nacht und Country und Western-Nacht haben, zwei Green Beens Coffee-Läden, Burger King, Dairy Queen, Geschäfte, einen teuren und ineffizienten privaten Internetanbieter, der abhängig von der Bandbreite von 50$ bis über 100$ verlangt, und 24-Stunden Shuttle-Busse. Und das ist erst der Anfang. Sergeant Majors und gelangweilte Offiziere lauern wie Schnappspinnen („trap door spiders“) um über jeden herzufallen der etwas trägt dass an Feldkleidung erinnern könnte, oder der seinen reflektierenden Gürtel nicht an hat. Für die Meisten ist der Arbeitstag ähnlich dem zuhause, wenn auch unter rauheren Umständen. Nur 7% von ihnen werden je den Perimeter verlassen. Viele kommen in Bagram an, verlassen es nur um in Urlaub zu gehen, und beenden ihre Tour ohne jemals den Perimeter anders als im Flieger zu verlassen. Die Fobbitry auf den Straßen Pogadishus kennt keine Grenzen.

Auf einem kürzlichen Trip wurde einer unserer niedrigrangigen Unteroffiziere („junior NCOs“) mit einem Lieutnant Colonel konfrontiert, der mitten im Joggen anhielt um ihn anzufahren weil er die Ärmel seiner Kampfjacke („ACU jacket“) nach innen umgeschlagen hatte, eine häufige Anpassung die mehr Luft um die Arme zirkulieren läßt und so die Fähigkeit des Körpers, sich selbst zu kühlen, verbessert. Allerdings ist diese Anpassung in einigen Einheiten ausdrücklich verboten, weil einige Sergeant Majors nicht glauben dass das einen „guten Eindruck“ macht, auch wenn ich nicht glaube, dass sie in den Armeevorschriften („army regulations“ – AR) ausdrücklich verboten wurden. Auch, sollte die Straße spontan in Flammen ausbrechen, würde der so gekleidete Soldat Verbrennungen an Armstellen erleiden, die man weniger durchgebraten als andere Körperteile hätte bergen können wenn die Ärmel eng an seinen Handgelenken angelegen hätten.

Auf jeden Fall, der LTC hielt im Laufen inne um den jungen Unteroffizier zu überfallen und ihn wegen der Trageweise seiner Uniform und seinem Schnauzbart zusammenzustauchen. Dieser junge Soldat, der den Perimeter jeden Tag verläßt, trägt seinen Schnauzbart vielleicht etwas außerhalb der Armeevorschriften, aber es ist einsatzbedingt toleriert, basierend auf einer Kosten-Nutzen-Analyse des Kommandeurs. Der LTC verlangte dass der Unteroffizier seinen Schnauzbart entfernt, anscheinend auf der Stelle. Der Soldat war nicht in der Lage dem Befehl zu folgen, und daher verlangte der LTC bei einem Sergeant Major um 1400 vorspricht. Da er von einem vollen Colonel beauftragt worden war bestimmte Ausrüstung abzuholen und schnellstmöglich mit einem Konvoy zurückzukehren, der Pogadishu um 1300 verläßt, war der Unteroffizier leider nicht in der Lage die Blutlust des LTCs zu befriedigen.

Der Unteroffizier informierte den Colonol pflichtgemäß bei seiner Rückkehr über diese Konfrontation.

„Der kann einen mal“ antwortete der Colonel „Wenn er mich anrufen will werde ich ihm das auch ins Gesicht sagen.“

Unser Colonel ist kein Pirat aus Pogadishu. Was für ihn zählt ist, dass der Job erledigt wird, und nicht dass man wie ein abgedroschenes Rekrutierungsposter ausschaut während man das tut. Das heißt nicht, dass es keine Disziplin gibt, aber sie dreht sich nicht darum den Kleinkram umzusetzen, der auf die Mission keinen Einfluss hat. Sie dreht sich darum alles was zur Mission gehört hinzukriegen.

Anstatt anzuhalten und Junior-Unteroffiziere über Feldanpassungen und Schnauzbärte zusammenzustauchen, die einem Missionserfolg nicht direkt im Weg stehen, wäre es vielleicht eine bessere Idee, zu bemerken wenn vier oder fünf Personen versuchen ein ähnliches Ziel im Rahmen einer einzigen Organisation in seinem Kampfgebiet („battle space“) umzusetzen, und eine Person die Verantwortung zu übertragen, so dass alle zusammenarbeiten um es erledigt zu bekommen. Dann, nachdem das erledigt ist, falls der LTC dann noch Zeit dazu hat, wäre das Zusammenstauchen beliebiger Unteroffiziers über Unteroffiziersangelegenheiten produktiveres Verhalten.

An einem Punkt schrie der LTC  den Unteroffizier an, dass andere Soldaten sterben werden weil sie seinem Beispiel folgen, vor Schmerz heulend, weil sie diesen Unteroffizier gesehen haben und den Stil seiner Jackenärmel nachahmen. Dies, meine Damen und Herren, ist ein Pirat von Pogadishu.

Unser Trip würde wegen der Piraten von Pogadishu um ein dutzendfaches gefährlicher sein. Wie viele Teams in diesem Land sind wir von unseren Übersetzern abhängig um unsere Mission erfüllen zu können. Sie sind Mitglieder unseres Teams. Wir reisten mit zwei Übersetzern, beides Kampfveteranen mit mehr als drei Jahren Dienstzeit, nach Pogadishu. Bei unserer Arbeit wurden wir wie folgt begrüßt: „Oh… die. Ihr hättet sie nicht mitbringen sollen.“

„Nein?“ fragten wir.

„Oh, nein. Nein, nein, nein. Ihr könnt keine Übersetzer so hier rein bringen.“ Drei Köpfe schüttelten gleichzeitig.

„Aber wir brauchen sie um unseren Job machen zu können“, baten wir. Augenklappen wurden angezogen. Die Unterpiraten beratschlagten sich schnell unterinander, das unbedeckte Auge nervös hin- und her huschend.

„Ihr müßt gehen und den Zauberer sehen“, kam die Antwort von dem, welcher der Haupt-Unterpirat für Innen-Unterbringung zu sein schien („Chief Underpirate for Domestic Placement“).

„Den Zauberer?“ fragten wir. „Wer und wo ist dieser Zauberer?“

„Der Zauberer ist der Haupt-Oberpirat für Fobbit-Beschaulichkeit, und man kann ihn in der Abteilung für Oberpiraterei antreffen, einfach geradeaus.“

„Öh… ehm. Okay. Und wenn sie unser Flehen nicht erhören?“ forschten wir nach.

„Dann sollen eure Einheimischen zu den Launen der Außenwelt verbannt werden, das was zu schauen verboten ist, von wo ihr sie offensichtlich kurz vor eurem Eintritt in Pogadishu zufällig aufgesammelt habt.“

„Und wenn der große zauberartige Oberpirat sie für weniger als gemeingefährlich für unsere fremdartigen Lebensvorgänge hält?“

„Oh, nun, in dem Fall dürfen sie bei euch bleiben. Aber sie dürfen nichts essen“ sprachen sie unisono, was einen gruseligen Echo-Effekt hatte.

„Sie dürfen nichts essen.“ Mehr eine Aussage als eine Frage zu diesem Zeitpunkt, aller Unglaube hatte sich im Verlauf der letzten Minuten aufgelöst.

„Nein. Sie dürfen nichts essen. Seht ihr ihre ID-Karten? Sie haben keine Privilegien. Sie dürfen nichts essen. Nicht in Pogadishu, jedenfalls.“ Wieder mit dem Stereo-Effekt.

Nun, wir machten uns auf den Zauberer zu besuchen. Nach einer kurzen Zeremonie, die ein Haar von jedem von uns beinhaltete, zwei ID-Karten, Hähnchenknochen, zwei verschiedene Trommeln und ein anderes Set wurden zusammen gespielt, und ein seltsames, aber sehr süß riechendes metallisches Pulver, das anschaulich in Flammen aufging als der Zauberer es in ein kleines Feuer warf, wurde festgelegt, dass wenn der Captain je Kinder hat, diese dem Zauberer gehören würden, und unsere Übersetzer durften bleiben. Jeder war glücklich, bis auf unsere zutiefst beleidigten Überzetzer.

„Es ist als wäre man im Gefängnis, Sir“ sagten sie mir.

„Ich weiß.“

Das ist nicht der beste Teil.

Der beste Teil ist, dass sie, nachdem sie ihr Leben riskiert haben, eine Sprengfalle gefunden hatten, durch einen berichteten Hinterhalt gefahren sind der nicht zustande kam, und fabelhafte Arbeit beim Übersetzen leisteten, von der Liste für den Rückflug gestrichen worden waren (welcher wie sich herausstellte an Bord eben jener kanadische C-130 stattfinden sollte, die uns auch herbrachte). Sie wurden an die Tore Pogadishus eskortiert und wurden gezwungen zurück nach Kabul in einem Taxi zu fahren, während sie noch ihre amerikanischen Uniformen trugen, was ihre Leben in Gefahr brachte.

Ohne ihr Gepäck, das bereits auf Paletten verladen worden war.

Unsere zwei Team-Mitglieder waren gedemütigt; was eine der schlimmsten Emotionen auf der Welt für einen Afghanen ist. „Es ist nicht Ihr Fehler, Sir“, sagte uns einer unserer Übersetzer. „Es ist unser Fehler für euch zu arbeiten, und uns in eine Position gebracht zu haben, in der uns jemand sowas antun kann.“

Die Piraten von Pogadishu hatten ihre Rache.

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