Warum hat es Karzai nötig sich mit den Taliban zu verbünden?

Posted on 6. November 2010

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Der Original-Artikel erschien auf abdulhadihairan.com: Why does Karzai need to join the Taliban?, von Abdulhadi Hairan, am 15.04.2010.


Warum hat es Karzai nötig sich mit den Taliban zu verbünden?

Februar 2009: Provinz Kunduz, Distrikt Qila-e-Zal

Ich besuchte das Distrikt-Zentrum, Akhtifah, um meinen Tazkira (den afghanischen Personalausweis) vom Registrierungs-Büro der Distrikt-Regierung zu erhalten. Mich begleiteten ein Cousin, der in dem Dorf lebt, und ein Ältester des Dorfes, um zu bezeugen, dass ich Afghane sei und die Karte brauche.

Das Büro, im Gebäude einer ehemaligen örtlichen Firma, das jetzt von der Distrikt-Regierung belegt wurde, sah aus wie eine Baufirma mit ein paar alten Maschinen die in den Ecken standen; allerdings war der Platz geschäftig mit dem Verkehr kommender und gehender Polizisten. Wir betraten einen Raum, in dem ein mittelalter, grimmig schauender man hinter einem Tisch saß und einen jungen Jungen anschrie, der ihm gegenüber saß. Wir grüßten beide mit „salam“, schüttelten Hände, und setzten uns auf eine Bank in der Ecke um zu warten bis wir an der Reihe waren.

Danach bekam ich mit, dass der junge Junge auch einen Perso beantragt hatte. Er saß auf seinem Stuhl, verängstigt und sichtbar zitternd, entweder aus Wut oder Angst. Der Mann, der die Ausweise ausgab, warf die Antragspapiere nach dem Jungen und rief „Mother-fucker, dein Antrag ist von keinem Ältesten bezeugt?“

Der Junge sammelte die Papiere mit zitternden Händen auf, fand die Seite, die von einem Ältesten des Dorfes bezeugt war, und legte sie oben auf die anderen Papiere. Dann überreichte er die Papiere langsam dem Beamten. Der Beamte hatte sich bis dahin schon andere Papiere vorgenommen. Er stand wütend auf, griff den Jungen an, warf ihn aus dem Raum und rief ihm die dreckigsten Schimpfworte die ich je gehört hab hinterher.

Das war ein Schock für mich. Ich war seit ein paar Tagen in Afghanistan, und diese Art von Einstellung mitzubekommen war absolut unerträglich. Meine Begleiter bemerkten meine Gemütsverfassung und versuchten mir zu erklären, dass das okay war. „Der Junge muss ihm etwas Geld geben. Ohne das wird er den Ausweis nie bekommen. Jeder weiß das.“

Ich versuchte ruhig zu bleiben. Dann gaben wir ihm meinen Antrag. Ohne meinen Antrag anzuschauen sah er mich an und bemerkte auf sehr beleidigende Weise „Du siehst nicht wie ein Afghane aus? Wozu brauchst du einen Tazkira?“ Ich zeigte ihm eine Kopie von meines Vaters und Onkels Ausweisen, und andere notwendige Dokumente. Er sah sie sich ebenfalls nicht an. Stattdessen fing er an zu schreien, wobei er sich einer sehr üblen Wortwahl bediente. Letzenendes mußte ich ihm etwas Geld geben und meine Kontakte im Provinz-Zentrum benutzen um meine Tazkira zu bekommen.

Vor dem Büro fand ich den Jungen, wie er einen Mann fragte was er tun solle. Ich fragte ihn, warum er einen Tazkira brauchte obwohl er im Dorf lebte. „Jedes mal wenn ich zum Markt gehe, oder auch nur die Strasse entlang, fordert mich die Polizei auf meinen Tazkira vorzuzeigen. Ich habe keinen, also beschuldigen sie mich ein Taliban zu sein und foltern mich. Ich habe einen beantragt, aber konnte ihn nicht bekommen. Ich habe nicht genug Geld um ihn zu bezahlen. Besser werde ich ein echter Taliban. Dann werden sie nicht wagen mich danach zu fragen.“

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April 2009: Kabul Stadt

Ich habe eine Wohnung in Kabul Stadt gemietet. Nachdem alle Verträge und Zahlungen abgeschlossen waren mussten ich und der Makler zur Polizeistation gehen um die Anmeldung abzuschließen. Wir betraten den Raum des Polizei-Kommandeurs und grüßten sehr respektvoll. Er reagierte nicht, sondern schaute stattdessen direkt zu den zwei jungen Männern, die nahe bei der Tür des Raums standen. Sie hatten über irgendeine Miet-Angelegenheit gekämpft und wurden von der Polizei festgenommen. Einer war der Besitzer des Hauses und Sohn eines ehemaligen Kommandeurs. Viele seiner Verwandten standen dort mit ihm. Der andere, der Hausbewohner, der bei dem Kampf verletzt wurde, stand dort ebenfalls, angekettet. Der Kommandeur forderte den Hausbewohner, den verletzten jungen Mann, auf, ihm zu erzählen was sich zugetragen hatte. Er sagte, dass er das Haus von dem Mann gemietet hatte und ein Jahr Miete im voraus bezahlt hatte. Aber dann fand er heraus, dass der Besitzer des Hauses und seine Verwandten in kriminelle Machenschaften verstrickt waren.

„Daher wollte ich nicht mehr in ihrem Haus leben. Ich teilte ihnen meine Entscheidung mit und verlangten gemäß unseres Vertrags mein Geld zurück. Aber er fing an mich zu bedrohen, drang in meine Wohnung ein und beleidigte meine Familienmitglieder.“

Plötzlich gab es einen Knall („boom“) im Raum. Es waren die Stiefel des Polizei-Kommandeurs, die den jungen Mann, den Hausbewohner, trafen. „Du Hurensohn! Er ist ein respektierter Bürger, ein ehemaliger Polizeioffizier, und du behauptest, er sei an Verbrechen beteiligt. Du weißt nicht, über wen du redest!“ schrie der Polizei-Kommandeur. Zwei Wachen griffen den jungen Mann und zerrten ihn hinaus. Ich konnte ihn sagen hören „bringt die Taliban, Oh Gott, ich schwöre, ich werde jetzt zu den Taliban gehen.“

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Oktober 2010: Kabul Stadt

Ich erhielt einen Brief vom Kommunikations-Ministerium, dass ein Freund in Europa mir ein Päckchen geschickt hatte. Mir wurde mitgeteilt, dass ich es im Büro des Ministeriums abholen sollte. Am nächsten Tag war ich dort. Das Paket enthielt einige Bücher, Kleidung und einige Geräte. Ich musste durch eine lange Prozedur. Erst zu einem Fenster, wo ich meinen Perso vorwies, dann in einen anderen Raum, in dem ich meinen Namen anmeldete. Dann zu einem anderen Raum, indem sie das Päckchen öffneten und jeden einzelnen Artikel überprüften. Dann wurde mir gesagt, dass ich für die Bücher ein paar Tage warten müßten, da die Bücher zum Ministerium für Kultur und Information geschickt würden, und falls sie dort abgesegnet würden, könnte ich sie nächste Woche abholen. Für die anderen Sachen müßte ich 1000 Afghanis bezahlen. Dafür schickten sie mich in einen anderen Raum. Der Mann dort bot mir zwei Optionen: Entweder ginge ich zur Bank und zahlte dort, was den ganzen Tag dauern würde da die Zahlung nur bei der afghanischen Nationalbank vorgenommen werden könnte, und sie ziemlich langwierige Prozeduren hätte. Oder ich gäbe ihm die Eintausend, und er macht das im Büro. Ich zog letzteres vor, da ich bereits viel von meiner Zeit verschwendet hatte. Ich gab ihm das Geld; er füllte ein paar Formulare aus, wir unterzeichneten sie; und dann brachte er mich ins Büro des Offiziers, wo ein fetter Mann grünen Tee trank und einige Formulare unterzeichnete. Beide Männer redeten miteinander, und die Papiere wurden unterzeichnet. Danach teilten sie mir mit, dass es nur noch einen weiteren Schritt gab. Ich musste zum letzten Mann gehen, der die Formulare unterschreiben würde. Ich ging in einen weiteren Raum. Der Mann studierte die Formulare und fragte mich dann:

„Haben Sie hierfür bezahlt?!

„Ja, eintausend Afghanis,“ war meine Antwort.

„Und wissen Sie, wofür Sie die bezahlt hast?“

„Nun, sie sagten mir, es seien Regierungs-Gebühren,“ Ich versuchte mich bei diesen dummen Fragen zu beherrschen.

„Nein,“ sagte er, „es waren Regierungs-Gebühren, aber sie hätten an die Bank bezahlt werden sollen, nicht an den Offizier in jenem Raum. Sie haben ihm Bestechungsgelder gegeben!“

„Nun, ich wußte nicht, dass er sie als Bestechungsgelder nahm. Ich habe es eilig; ich habe noch viel Arbeit zu erledigen. Könnten Sie mir sagen, was ich jetzt tun soll?“ bat ich ihn.

„Das ist einfach. Geben Sie mir eintausend und nehmen Sie ihr Paket“, sagte er. Ich war jetzt sehr wütend.

„Und wenn ich die nicht gebe?“

„Dann werde ich eine Korruptionsanklage gegen Sie und den Mann den sie bestochen haben stellen!“

Ich schleuderte ihm alle Formulare ins Gesicht, nahm mein Päckchen und ging. Gottseidank hat er nicht versucht mich aufzuhalten.

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April 2010, Kabul Stadt

Nach einer ermüdenden Reise zurück in Kabul, wurde mir mitgeteilt, dass ich eine Stromrechnung über 64.000 Afghanist über vier Monate erhalten hatte. Das war ein Schock für mich. Absolut unglaublich, da während den ersten zwei Monaten die Rechnung 7400 Afghanis gewesen war, den nächsten Monat war sie um 1300 Afghanist gewesen, und jetzt plötzlich 64.000 Afghanis! (zwei meiner Monatsgehälter).

Ich ging zum nächsten Strom-Büro um den Grund herauszufinden. Es war etwa zwei Uhr nachmittags und das Büro war geschlossen. Wir (ich und der Besitzer des Hauses) warteten etwa eine Stunde und gingen dann nochmal zum Büro. Diesmal hatte es geöffnet. Ein Mann ruhte im Inneren auf einer Liege und lauschte lauter Musik. Wir fragten ob wir eintreten dürften, und er erlaubte es mit der Art einen Moghulen-Königs („mughul king“). Dann zeigten wir ihm die Rechnung, und fragten ihn ob er so nett wäre uns zu sagen, warum sie so hoch sei. Er sagte:

„Nun, alles ist klar aufgeschrieben. Wenn Sie zahlen wollen gehen Sie zur Bank und zahlen, wenn sie nicht wollen, tun Sie was sie wollen. Ich kann ihnen nicht weiterhelfen.“

„Sind Sie die verantwortliche Person in diesem Büro?“ fragte ich.

„Ja, natürlich, ich bin verantwortlich, deshalb bin ich hier!“ antwortete er.

„Dann sind sie verantwortlich, uns zu sagen warum es so viel ist?“ begehrte ich.

„Nein, ich habe solche Verantwortung. Sie können jetzt gehen,“ befahl er.

„Könnten Sie uns bitte ihren Namen sagen?“ verlangte ich wieder.

„Nein, können Sie nicht. Ich bin ein Angestellter der Regierung, kein Dieb der Ihnen meinen Namen nennen müßte!“

Ich musste lachen. Ich zeigte ihm meinen Perso, meine Büro-Karte, und alles was meine Identität belegen könnte. Und dann sagte ich „Ich sehe dass Sie ein Angestellter der Regierung sind, aber ihr verhaltet euch wie Diebe; Diebe nennen ihre Namen nicht, anderen Leuten fällt es nicht schwer dergleichen auszumachen. Ich haben Ihnen alle Identifikations-Karten gezeigt, die ich besitze.“

Warum? fragten wir einander und verließen das Büro. Dann sagte uns jemand, dass wenn wir uns mit dem Fall an das Bezirksbüro wendeten, die uns vielleicht helfen könnten. Also taten wir das im Büro im Bezirk Deh Mazang. Es war eine langwierige Prozedur – einen Antrag schreiben, und den dann von vielen Offizieren unterschrieben bekommen. Wir taten all das. Danach schickten sie einen Mann mit uns, um das Meter zu überprüfen und das Problem zu finden. Als wir zum Meter zurückkehrten war es abgesperrt und das Büro geschlossen. Der Mann hatte Telefonnummern von zwei Meter-Ablesern. Wir riefen den ersten an. Seine Antwort war „Mein Dienst war bis zwölf Uhr mittag. Ich habe meinen Dienst beendet. Sie können den Anderen kontaktieren.“ Wir klingelten den zweiten an. Sein Handy war aus. Wir versuchten und versuchten es den ganzen Tag, aber immer kam die automatische Antwort: Der Besitzer der Nummer hat sein Handy ausgeschaltet oder ist außerhalb des abgedeckten Gebiets. Ich schrieb mehrere höhere Offizielle an. Immer noch keine Antwort. Das Problem wurde nie gelöst.

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Ich habe viele andere Schreckensgeschichten über die korrupten Regierungsstellen, aber ich denke, dass diese wenigen Beispiele ausreichen.

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Afghanistan hat 34 Provinzen und etwa 400 Distrikte. Multiplizieren Sie die Ministerien, Behörden, Gefängnisse und anderen Regierungsstellen damit. Jeder (außer Kriegsherren, Drogenhändler, Kidnapper und Kriegsverbrecher), der wegen irgendwas zu einem dieser Büros mußte, kam extrem enttäuscht, beleidigt und hoffnungslos zurück. Korruption, Mismanagement, Ineffizienz und Menschenrechtsverletzungen sind an diesen Orten auf der Spitze. Die Offiziellen, die dort herrschen verhalten sich wie Kriegsherren aus der Epoche von 1992-1996, das war jene Epoche, die zur Entstehung der Taliban führte.

Präsident Karzai drohte vor Kurzem, dass er zu den Taliban wechseln würde. Ich denke, dass er das dringend nötig hat, weil seine korrupte und ineffiziente Regierung schon dabei geholfen hat die Taliban zu stärken. Tausende Afghanen besuchen diese Zentren der Korruption täglich; es ist sehr einfach einige hundert von ihnen jeden Monat zu Taliban zu machen. Wenn das so weitergeht, dann wird es entweder Kyrgisistan-ähnliche Aufstände geben, oder die Taliban übernehmen bald. In beiden Fällen muss er sich mit ihnen verbünden um seine Haut vor dem Zorn des Volks zu retten.

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