Eine Billion Dollar

Posted on 9. Dezember 2010

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Der Orignal-Artikel erschien auf Free Range International: A Trillion Dollars, von Tim Lynch, am 17.06.2010.


Eine Billion Dollar

Gestern berichtete die New York Times ein Mordsding: Die Vereinigten Staaten entdeckten 1 Billion Dollar in unerschlossenen Erzvorkommen in Afghanistan. Diese Nachricht könnte als mögliche Wende scheinen („be a potential game changer“), und diesen Nachmittag ging ich ins Stadtzentrum von Jalalabad um ein paar „Mann von der Straße“-Interviews mit Afghanen zu führen. Welch Überraschung – nicht einer der Befragten hatte von der Story gehört, die gestern so viel der Berichterstattung („press cycle“) ausmachte. Nicht einer der Befragten hatte eine Vorstellung, was die Zahl „Billion“ darstellt. Aber alle verstanden, dass es Erzvorkommen im Land gibt. Was sie nicht verstanden war, wie soviel Rohstoffe direkt ihnen und ihren Mitbürgern nutzen könnten. Das Konzept, dass eine Saudi-artige Geldquelle geöffnet werden könnte, mit der man ein landesweites Modernisierungsprogramm finanziert, von dem sie profitieren ohne einen Pfennig zu zahlen, ist für den durchschnittlichen Afghanen unvorstellbar.

Wie erwartet brachte das Blog Danger Room etwas Perspektive zur Story. Katie Drummond brachte diesen Post in die Debatte ein, dessen Tenor mit dem was mir Afghanen erzählten übereinstimmt, und das ist, dass das Potential für Erzabbau („mineral development“) wohlbekannt ist. Was nicht wohlbekannt ist, was es braucht um das Potential an Erzen in Wohlstand umzuwandeln. Der afghanischen Öffentlichkeit die Notwendigkeit klarzumachen, dass alle Kämpfe aufhören müssen damit die Infrastruktur aufgebaut werden kann die Mineralien nicht nur abzubauen sondern auch weitzuverarbeiten könnte ein Wendepunkt („game changer“) sein wenn man es richtig anstellt. Man stelle sich vor, jede Shura mit ISAF in jedem Teil des Landes würde einen Eindruck von Dringlichkeit („sense of Urgency“) hinsichtlich des Beendens jeglichen bewaffneten Widerstands, damit internationale Investoren ins Land kommen können um die Ressourcen abzubauen, die jeden Mann, Frau, Kind in Afghanistan reicher machen würden als einen Saudi. Ich frag mich, wieviel Druck von unten das erzeugen würde? Wen interessiert es, wenn die Rohstoffvorkommen nicht ganz auf eine Billion hinauslaufen? Unsere Regierung erzählte und, dass sie 35 Millionen arme Leute versichern würde, die Krankenversicherung verpflichtend machen würde, dass jeder seinen Arzt frei wählen könnte und alle Medikamente bekäme die sie wollten und dass uns Geld sparen würde. Hahahaha … unsere Regierung dem Steuerzahler Geld sparen … das wäre lustig wenn wir nicht bereits pleite wären und unsere Kinder mit Bergen von Schulden überhäufen würden, die sie nie werden zurückzahlen können. Wenn sie dieses Gesetzespaket dem amerikanischen Volk verkaufen können, warum dann nicht den Afghanen die Geschichte mit der „Billion“ Dollar an Lithium.

Das ist der Liegenschafts-Lagerraum der Landwirtschaftlichen Provinz-Behörde von Nangarhar ("Nangarhar Provincial Agriculture Department"). Einige dieser Unterlagen sind hundert Jahre alt und fallen auseinander wenn man sie berührt. Sie sind nicht katalogisiert oder geordnet.

Eine öffentliche Meinung von unten zu erzeugen, welche die verschiedenen Fraktionen oben unter Druck zu setzen, die riesige Vermögen aus den Einkünften aus Afghanistans Mineralvorkommen einsacken könnten, könnte eins der wichtigsten Dinge sein, die wir für die afghanischen Menschen tun könnten. Wir kriegen eindeutig unseren Hintern von den Taliban versohlt (tatsächlich versohlen wir uns selbst den Hintern), und es gibt wenig Zweifel, dass unser schwacher Präsident nächsten Sommer anfangen wird abzuziehen. Wie schnell das Militär das umsetzen kann, und was wir als akzeptablen Endzustand betrachten, bleibt die Billionen Dollar-Frage. Der einzige Mensch der sie beantworten kann ist unser Oberkommandierender („commander in chief“, der US-Präsident), aber der hat keinen Plan von nix im allgemeinen und von Führung im Speziellen. Das Militär/Außenministerium wird sich für gottweißwielang durchwursteln müssen, und es wird nicht lange dauern, bis sich die Mehrheit unserer Mit-Amerikaner warum wir dort sind, wenn wir so hohen Kosten so wenig erreichen.

Zurück zur Billion Dollar – wie denkt ihr wird sich der Mineralienreichtum für den durchschnittlichen afghanischen Bürger auswirken? Das kann sehr stark von uns und dem Rest der internationalen Gemeinschaft, der in Afghanistan engagiert bleibt, abhängen. Das Worst Case-Beispiel geschieht gerade jetzt mit der kürzlichen Ankündigung, dass Afghanistan den Abschluss von Eisenerz- und Gas-Verträgen „aufschieben“ würde, als Anstrengung um Korruption auszumerzen. Dieser „Aufschub“ erinnert verdächtig an die letzte große Schürfrechts-Vergabe an zwei chinesische Firmen für die größten bekannten Kupfervorkommen der Welt. Firmen aus Amerika, Kanada und Europa waren alle Finalisten in dieser Ausschreibung bis es einen „Aufschub“ gab und die Chinesen aus dem Nichts auftauchten und den Zuschlag erhielten. Dieses Zitat aus dem oben verlinkten WSJ-Artikel trifft den Nagel auf den Kopf:
„Bergbau könnte ein großer Beitrag zur Wirtschaft sein. Aber das Bergbau-Ministerium (Mines Ministry) gilt seit langem als eine der korruptesten afghanischen Behörden, und westliche Amtsträger haben wiederholt ihre Bedenken ausgedrückt, dass die afghanische Regierung Abbaurechte für die größten Lagerstätten des Landes vergibt, besorgt dass korrupte Beamte die Verträge an die Bieter mit den höchsten Bestechungsgeldern vergeben – und nicht an jene die für die eigentliche Arbeit am geeignetsten wären.

Die Afghanen die in diesem Büro arbeiten haben einen Ruf penibler Ehrlichkeit, der ohne Zweifel benötigt wird, wenn man vermeiden will bei einer Landstreitigkeit als Kollateralschaden zu enden - aber ihr seht, womit sie arbeiten müssen - diese Akten in eine durchsuchbare Datenbank zu digitalisieren sollte landesweit Priorität sein.

Landstreitigkeiten führen zu mehr Tötungen in der Provinz Nangarhar als Angriffe durch Taliban. Das liegt daran, dass Familien die über Land kämpfen, das von Angesicht zu Angesicht tun („go toe-to-toe“), wo man mit einem AK-Gewehr nicht daneben schießen kann. Zehn, zwölf, fünfzehn Personen die bei einem solchen Kampf getötet werden sind ziemlich Routine. Was wenn diese Menschen dächten, dass das Land, das sie besitzen, das Potential hätte, sie reicher zu machen als sie sich träumen können? Was wäre wenn jedesmal wenn ein Ausländer mit einer Gruppe Afghanen spricht, Die Botschaft immer und immer wieder käme – und zwar die Botschaft „Ihr müßt aufhören zu kämpfen und Aufbau unterstützen, oder eure Anführer werden die Zukunft eures Landes für ein Taschengeld an die Chinesen verkaufen, und euch nichts lassen außer Tod, Krankheit und ein geplündertes Land, in dem niemand der bei klarem Verstand würde leben wollen.“

Diese Unterlagen haben das Potential Landansprüche zu klären, welche Familien unvorstellbar reich machen könnten. Wie wichtig glaubt ihr ist es, dass wir diese wichtigen Dokumente schnellstens in einem fäschungssicheren Format bewahren um das Enteignen gewöhnlicher Afghanen zu verhindern?

Landstreitigkeiten sind ein Problem, da die Zentralregierung nicht als aufrichtig beim Umgang mit Besitzansprüchen wahrgenommen wird. Es gibt viele Orte in diesem Land, wo Leute auf Land leben, das ihnen nicht gehört. Die Standardhaltung der Regierung scheint zu sein, dass wenn man den Besitz nicht beweisen kann, das Land der Regierung gehört. Wenn die Regierung zum Räumen von Land anrückt, auf das sie Anspruch erhebt, ist das Ergebnis immer blutig.

Die Township von Amanulla Khan im Distrikt Rodat, wo man die Landnehmer ("squatter") ausräuchert ("burn out") um das Land zu räumen, so dass es von der Provinz-Regierung verkauft werden kann. Die ANP ist hier runtergekommen weil sie von den Hügeln zur Linken beschossen wurde.

Ein Mitglied des Provinzrates und ANP-Eskorte reden mit der Menge um Ausschreitungen zu verhindern. Als dieses Bild gemacht wurde brachen heftige Schusswechsel unten im Tal aus.

Die Menge reagierte feindselig als die Schießerei anfing, und die örtliche Politiker und seine Eskorten traten einen hastigen Rückzug an.

Die ANP richteten eine Straßensperre auf der wichtigsten Jalalabad-Torkham-Grenzstraße ein, etwa 100m westlich der Ausschreitungen

Ausschreitungen können hier schnell aus dem Ruder laufen - es kommt jetzt viel Gewehrfeuer aus der Menge, aber ich hatte keine Ahnung worauf sie schossen - die Kugeln schlugen nicht bei uns in der Nähe ein.

Anwohner die sich hinter der Absperrung der Polizei sammeln erzählen uns ihre Sicht des Geschehens. Sie sind wutentbrannt über das, was sie als den Amtsmissbrauch der Mächtigen sehen, die sie ihres Landes und ihrer Lebensgrundlage berauben.

Als ich anderntags mit den durchschnittlichen Afghanen über diese angebliche 1 Billion Dollar an Rohstoffvorkommen sprach, konnte sich kein einziger vorstellen wie all das Geld ihnen zugutekommen könnte. Der Gedanke, dass sie Rechte an Rohstoffe auf Land dass sie besitzen hätten, oder dass die Regierung über Massen an Geld verhandeln würde, dass unter Afghanen aufgeteilt würde wie es die Saudis mit ihrem Ölreichtum tun, ist jenseits ihrer Vorstellungskraft.

Dies ist eine Möglichkeit für uns, ein Problem asymmetrisch anzugehen. Unser Problem ist, dass wir keinen brauchbaren Partner in Afghanistan haben, dass wir keinen kompetenten Oberkommandierenden haben, dass wir keine militärische Führung („military leadership“) haben, welche die Verfassung oder das Vertrauen hätte um die überlegenen Problemlösungs- und Kampffähigkeiten unserer unteren Ränge („junior leaders“) vor Ort zu entfesseln, und wir haben nichts, was im entferntesten an professionelle und kompetente Diplomaten erinnert. Was wir haben ist ein unwiderstehlicher Narrativ („story line“), der beim afghanischen Volk auf Anklang stoßen würde wenn er richtig rübergebracht würde. Dieser Narrativ ist simpel – wenn ihr kein Ende der Kämpfe durchsetzt, wenn ihr eure Anführer nicht zur Rechenschaft zieht, wenn ihr nicht für eure Rechte und Menschenwürde eintretet, dann werden eine Billion Dollar direkt auf Banken in Dubai und die Säckel der Volkrepublik China fließen.

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