Die zivile Seite

Posted on 16. Januar 2011

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Der Original-Artikel erschien auf Afghan Quest: The Civilian Side, von Old Blue, 05.01.2011


Die zivile Seite

Während meiner Zeit in Afghanistan, als eingebetteter Berater und mit dem COIN Center, hatte ich von der Militär-Seite aus viele und vielfältige Begegnungen mit den unterschiedlichsten Zivilisten. In 2007 gab es einen Mangel an US-Zivilisten vor Ort. In 2009-2010 könnte ich den „Civilian Surge“ und seine Auswirkungen erleben.

Mein Gesamteindruck der afghanischen Staatsbediensteten ist, dass sie allesamt überfordert sind. Von Karzai an abwärts bis zum Distrikt-Untergouverneur hatte niemand auch nur eine stadteilgroße Verwaltung gemanagt bevor er auf seine jetzige Stelle gesetzt wurde. Afghanistan hatte/hat kein „institutionelles Gedächtnis“. Wenn man mir das Amt für Straßenwesen unterstellen würde, dann gäbe es, obwohl ich total unqualifiziert wäre, genug institutionelles Gedächtnis um zu verhindern dass die Dinge total aus dem Ruder laufen, zumindest für eine gewisse Zeit. Leute, die in dem System ausgebildet wurden, wüßten wie Sachen erledigt werden, und Sachen würden mehr oder weniger erledigt werden. Über eine längere Zeit würde meine Inkompetenz beim Führen des Amts für Straßenwesen eine ziemliche Belastung für die Organisation darstellen. Aber in der kurzen bis mittleren Zeitspanne würde die Sache laufen.

Afghanistan, und viele andere Länder denen wir womöglich vorhaben Hilfe beim Stabilisieren zu bieten, hat kein institutionelles Gedächtnis. Seine Beamten und Manager sind schon lange geflohen oder getötet worden. COIN funktioniert nicht als eigenständige Strategie um Instabilität zu beseitigen, es ist eine Methode um einen aktiven Aufstand zu bekämpfen, aber es beseitigt nicht die Ursachen und Rahmenbedingungen, die überhaupt zum Aufstand geführt haben. Instabilität ist ein Nährboden für Aufstände. Der militärische Aspekt bei den Stabilisierungsoperationen, die nötig sind um diese Grundlagen zu entfernen, ist die geringste der drei Säulen eines solchen Einsatzes.

Ich habe viele engagierte Leute erlebt, die wirklich großartiges geleistet haben; Sachen die nie groß hinausposaunt werden, oder über die hier in den Staaten gar nicht gesprochen wird. Aber 350 sind nicht mal annähernd genug Leute, um die Stabilität zu entwickeln, die nötig wäre um die Grundlagen eines Aufstands zu beseitigen. Die Afghanische Nationalarmee ist derzeit einer der größeren Erfolge in Afghanistan, und ihre Erfolge basieren Mentoring; dabei sein. Geld ist nicht die Lösung, auch wenn sie Geld kostet. Aber diese afghanischen Staatsbediensteten ohne vorherige Erfahrung und ohne institutionelles Gedächtnis dass sie unterstützt brauchen wirklich Betreuung. Ohne diese verfallen sie wieder in das Verhalten, welches als Überlebensmechanismus in „Konflikt-Ökosystemen“ entsteht. Wir nutzen ihre Inkompetenz als weiteren Beweis, dass sie unser „Blut und Geld“ nicht wert sind.

Ich schließe mich den ersten beiden Kommentatoren beim SWJ an, die erlebt haben wie sehr fähige Leute durch archaisches Management ausgebremst wurden. Das Militär hat sehr mit dem massiven Paradigmenwechsel hin zu COIN-Operationen gerungen, mit sehr stark unterschiedlichen Graden an Erfolg (und Fehlschlägen, die unangemessenerweiße belohnt werden, weil Afghanistan nicht die Karriere eines einzigen Offiziers wert ist, außer wenn es um ein Verletzen der Political Correctness geht… und wir können ja eh nicht bestrafen, was wir nicht als Fehlschlag definieren können). Alldieweil war das Militär mit internen Machtkämpfen und Quertreibern beschäftigt, die schlicht diese Art von Krieg kämpfen wollten und endlos über eine Doktrin meckerten, die nie wirklich in voller Bandbreite umgesetzt wurde. Jedes Argument zum FM 3-24, dass sich auf darauf bezieht, dass es die militärische Kultur übernimmt ist von Beginn an ohne Grundlage. Schall und Rauch machen noch keine Übernahme.

Kurz: Niemand gibt wirklich die Richtung vor. Jeder liefert Ausreden, von „FM 3-24 funktioniert ja eh nicht“ bis „es ist nicht wesentlich für unsere nationalen Interessen“, bis zum Äquivalent von „Afghanen sind fremde Kreaturen, unfähig sich selbst zu regieren und unserer Anstrengungen nicht wert“. Der Kampf um die Moderne wird nicht so sehr in den afghanischen Dörfern gekämpft, sondern in unseren eigenen Institutionen, und die obigen Äußerungen unterstreichen dies. Es ist unser innenpolitisches Ringen, sich an Veränderungen anzupassen, die durch die Globalisierung über unsere Welt gekommen sind. Alte Weltanschauungen kollidieren mit den Konzepten, die mit der Erkenntnis einhergehen, dass sich die Welt unwiederbringlich verändert hat. Apathie, angetrieben durch den Drang einer ewigen Nabelschau in Zeiten schlechter Wirtschaftslage, der fehlenden Auswirkungen auf das Gros der Amerikaner, und das Verantwortlichmachen der Außenpolitik für schlechte Antworten auf eine sich verändernde Weltwirtschaft, verstärken dies und sorgen für einige seltsame Bettgefährten.

Bedeutet die Abwesenheit einer offensichtlich existenzbedrohenden Gefahr bedeutet, dass kein Patriotismus nötig ist? Wir tun das alle nur für das Geld und unsere Karriere, und es gibt keinen Grund für Entbehrungen und Risiko. Unsere eigenen taktischen Kommandeure demonstrieren oft die sich daraus ergebende Risikoscheu und Bloß-keine-Verluste-Denkweisen (siehe MAJ Jeremy Kotkins kürzlichen Artikel auf SWJ). Wenn diese Sichtweise im Militär vorherrscht, warum sollten Staatsbedienstete sie nicht nachahmen? Wo ist die Notwendigkeit sich selbst zu gefährden oder gar Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen; ist das nicht das, wozu es das Militär gibt?

Ich bin mir nicht sicher, dass das Einziehen von Staatsdienstlern wirklich die Antwort ist, aber der Artikel macht deutlich, dass wir in einer dreigleisigen Vorgehensweise nicht sehr gut abschneiden. FALLS wir einen begrenzten Erfolg in Afghanistan erreichen, dann wird das wegen der vielen schlauen, motivierten Leute da draussen sein (einschliesslich Afghanen), die soviel tun wie sie können, Großteils ohne Unterstützung durch schwerfällige, archaische Institutionen, und die dabei einige gute Sachen hinbekommen. Ich weiss, dass vor Ort, „afghanisch-gut“ gut genug ist… aber wir tun uns schwer auch nur diesen Standard zu erreichen.

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