Hilflos zu helfen in der afghanischen Provinzregierung

Posted on 19. Januar 2011

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Der Original-Artikel erschien auf Foreign Policy unter dem Titel „Helpless to Help in Afghanistan’s Local Government“, von Anna Badkhen, 22.04.2010. Der gesammelte Reisebericht ist auch als eBook erhältlich: „Waiting for the Taliban“

Hilflos zu helfen in der afghanischen Provinzregierung

KUNDUZ – „Die Straßen sind sicher,“ erklärt der Polizeichef der Provinz Kunduz , Gen. M. Razaq Yaqobi, kategorisch. „Tag und Nacht.“

Die Karte hinter seinem Schreibtisch suggeriert anderes. Sie ist mit grünen und roten Punkten übersät. Die grünen Punkte sind Polizei-Außenposten, sie fächern von der Provinzhauptstadt, der Stadt Kunduz, in konzentrischen Kreisen nach außen, zu den Provinzgrenzen hin dünner werdend. Die roten Punkte sind die Kräfte der Taliban, Al Qaeda und Gulbuddin Hekmatyar, ein Rebellenführer, der sich bisher gegen jede afghanische Regierung seit den 1970ern gestellt hat. Auf Yaqobis Karte verlaufen rote Punkte entlang jeder größeren Straße in Kunduz.

„Kundus Stadt ist unter Regierungskontrolle,“ führt der Provinzgouverneur, Ingenieur M. Omar, eine Stunde später etwas vorsichtiger aus. Kurz nach unserem Interview verliere ich meinen Handy-Empfang. Ich nehme an, es ist eine Panne im Netzwerk. Später erfahre ich, dass die Taliban die örtlichen Mobilfunktürme jede Nacht abschalten. Niemand kann bis zur Morgendämmerung um Hilfe rufen. Man sagt, die Taliban beherrschen die Nacht in Kunduz. Es ist unklar wer den Tag beherrscht.

„Sagen wir, das ist Kunduz,“ sagt Ahmadullah Daagh, der Editor des Kunduz-Magazins Afghanistan Today, auf eine Kopie seines Monatsmagizins zeigend. Auf dem Titelbild kauft eine Frau in blauer Burka goldene Armreife bei einem Juwelier. Daagh zieht unsichtbare Kreise mit seinen Fingern über das ganze Magazin: „Taliban, Taliban, Taliban, Taliban, Taliban.“

Eine kleines Gebiet, nicht größer als eine Münze („a quarter“), bleibt in der Mitte. Daagh zeigt da drauf: „Regierung,“ sagt er. „Was kann ich tun?“

Irgendwo im inneren dieses Punkts machtloser Regierung ist ein Mann namens Meher Ali. Ich mag ihn von Beginn an. Er hat ein nettes Lächeln unter seinem ergrauenden Schnurbart, sanfte Augen, und horizontale Falten auf seiner Stirn, die andeuten, dass er viel Zeit in Melancholie verbringt.

Meher Ali ist der Chef der örtlichen Abteilung des Afghanischen Ministeriums für Flüchtlinge. Den ganzen Tag sitzt er in seinem dämmrigen Büro in einem müden braunen Anzug über einem blass-blauen Hemd. Drei pinkfarbene Plastikblumensträuße auf seinem Schreibtisch beißen sich mit den beigefarbenen Fenstervorhängen, die immer zugezogen sind. Drei kristallene Süßigkeitenschalen, eine bei jedem Strauß, stehen leer.

Es gibt, nach Meher Alis Schätzung, 222.000 Flüchtlinge in dieser Provinz von 1,2 Million Menschen. Letztes Jahr erhielt er genug Budget um Decken und Matratzen an etwa 400 ausgeben zu können; er verteilte diese zu Beginn des Winters.

Dieses Jahr hat er überhaupt kein Budget erhalten.

„Sie brauchen Nahrungsmittel. Mehl, Reis, Öl, Tee. Medizin. Wir haben nichts, womit wir ihnen helfen könnten,“ erzählt Meher Ali mir, und zeit mir seine leeren Händflächen, als um zu beweisen, dass er nichts hat.

Einige der Flüchtlineg sind aus dem Exil in Pakistan, Tadschikistan und Iran zurückgekehrt, nachdem der U.S.-geführte Krieg 2001 begann, aber sie fanden dass Land, das einst ihnen gehörte, von anderen in Besitz genommen vor. Andere wurden von dem Zyklus ethnischer und tribalistischer Rache vertrieben, der auf den Fall des Taliban-Regimes folgte. Sie hatten sich in Lagern, in verlassenen Dörfern, niedergelassen, in aus Lehm und Stroh hastig zusammengezimmerten Heimstätten auf winzigen Flächen Land, dass die Regierung ihnen überlassen hat. Die meisten Flüchtlinge sind arbeitslos.

Ich kann mir die Armut dieser Flüchtlinge leicht vorstellen. Letzte Woche habe ich in Camp Shahraqi Mawjirin, in der benachbarten Provinz Balkh, Familien getroffen, die aus Pakistan nach Afghanistan zurückgekehrt waren, nachdem ihnen die afghanische Regierung ihnen Unterkunft und Arbeitsplätze versprochen hatte. Stattdessen hat die Regierung sie auf einem Streifen versalzener Wüste abgeladen, wo niemals etwas wachsen wird, wo es keine Arbeitsplätze gibt, keinen Strom, keine Ärzte. Ich erzähle das Meher Ali, und er nickt dass ja, ja, das, traurigerweise, ist ziemlich üblich. In Kunduz sterben Flüchtlingskinder auch an Erkältungen. Aber er kann nichts dagegen tun.

Wie genau sie überleben ist vollkommen unklar, sagt Meher Ali, weil kein Regierungs-Gutachter, oder Katastrophenhelfer („relief worker“), die Flüchtlinge dort aufsuchen kann wo sie leben. Die meisten leben in Gebieten, die in den letzten Monaten unter Taliban-Kontrolle geraten sind: No-Go-Zonen für Regierungsangestellte und Sicherheitskräfte. Viele leben grad östlich von Kunduz, in Chardara, wo die Taliban berüchtigterweise letzten September zwei NATO-Tanklaster entführten, und so einen U.S.-Luftschlag provozierten, der bis zu 142 Menschen tötete, großteils Zivilisten. Ein anderes Dorf, Gor Teppah, etwa 10 Meilen nordwestlich von der Provinzhauptstadt, ist die Heimat von etwa 1.200 Flüchtlingen – und „etwa 23 tschechichen und usbekischen Kämpfern, ausländischen Kämpfern von Al Qaeda,“ laut General Yaqobi.

Das ist kein Zufall, sagt Meher Ali. Er glaubt – und das ist ein Eindruck, den ich aus vielen Ecken gehört habe – dass es die Verzweiflung der Flüchtlinge, ihre unbeschreibliche Armut und ihr Gefühl von der Regierung verlassen worden zu sein, sind, die sie dazu bringen sich auf die Seite der Taliban zu schlagen, und so die Rückkehr der islamistischen Miliz zu ermöglichen.

„Leute kommen hierher und sagen: ‚Ihr verspracht uns zu helfen; wo ist eure Hilfe?‘ Sie nennen uns Lügner. Sie sagen: ‚Ihr habt uns belogen,'“ sagt er.

„Seit letztem Jahr hatten wir keinen Kontakt mit ihnen. Nach allem was wir wissen haben sie sich den Taliban angeschlossen.“

Meher Ali streckt mir seine Handflächen entgegen: immer noch leer. Hinter seinen beigefarbenen Vorhängen knallt eine gefangene Fliege gegen das Fenster, brummt, knallt erneut.

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