Wer braucht einen Spielplatz wenn die Kinder sterben?

Posted on 20. Februar 2011

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Der Original-Artikel erschien auf Foreign Policy unter dem Titel „‚Who Needs a Playground When the Children Are Dying?'“, von Anna Badkhen, 16.04.2010. Der gesammelte Reisebericht ist auch als eBook erhältlich: „Waiting for the Taliban“.

‚Wer braucht einen Spielplatz wenn die Kinder sterben?‘

CAMP SHAHRAQI MAWJIRIN – Die salzüberzogene Wüste außerhalb der Siedlung krümmt sich in den Horizont, als ob die Flüchtlinge die hier leben eine weitere Erinnerung bräuchten, dass sie hier am Rand der Welt wohnen. Wir gehen aus dem Camp nach Nordosten, dorthin wo die Welt endet.

Vielleicht hundert Schritt von der letzten Hütte aus zerbröselnden Lehmziegeln erhebt sich ein farbenfroh leuchtender Spielplatz aus der kahlen Erde, als wollte man den 145 Familien, die man hier abgeladen hat, einen grausamen Scherz spielen.

Denn wer braucht einen Spielplatz, fragt Fateh Mohammed, seinen Mund zu einem schrägen Lächeln verzogen, wenn es keine Lebensmittel gibt? Wer braucht Spielplätze wenn die Häuser auseinanderfallen?

Wer braucht diese zwei roten und blauen Metallrutschen, vier Schaukeln, zwei Fußball-Tore, und eine Wippe, fragt Fateh Mohammed als das Lächeln vom sonnengebräunten Gesicht des Mannes vollständig verschwindet, wenn die Kinder sterben?

Der Friedhof liegt nicht weit vom Spielplatz; man findet ihn leicht wenn man der Bodenkrümmung am Rand des Lagers folgt.

Hier sind zehn Gräber. Sie sind längliche Lehmhügel ohne Kennzeichnung. Sieben gehören Kindern. Sie sind nicht schwer auszumachen: Sie sind halb so groß wie die Erwachsenengräber. Sie sind geschmückt mit Steinen, billigem Nippes, Regenbogen aus zerbrochenem Glasbändern, dem Stück einer Plastik-Salatschüssel. Das Salz das den Boden bedeckt sickert auch aus den Hügeln, wie getrocknete Tränen.

Der am südlichen Ende gehört zu Fateh Mohammeds Sohn, Amir. Er starb letzten Winter; er war zwei Jahre alt. Er war krank gewesen, ständig hustete er das beängstigende, tiefe Husten armer Kinder aus den Slums.

Neben seinem Grab liegt das Grab von Nurkhan, dem Enkel von Meher Ahbuddin, dem Dorfältesten der an jedem Armgelenk eine Uhr trägt. Nurkhan starb etwa zur gleichen Zeit als Amir; er war 4. Meher Ahbudding glaubt, dass ihn das Wetter umgebracht hat. Es war ein kalter Winter; so kalt, dass die generatorbetriebene Pumpe eingefroren ist, und die Flüchtlinge zum Trinken das Eis aus gefroren Pfützen in der Straße sammeln mußten, um es ihn ihren Töpfen zu schmelzen.

„Wir hatten keine warmen Kleider“, erklärt Meher Ahbuddin. „Eines Tages wachten wir auf, und er nicht.“ Ajabkhan, der Enkel von Abdul Samat, einem großen Mann mit einer Stammestätowierung auf seinem rechten Handgelenk, die wie Tamashek-Schrift aussieht,  ist zwei Gräber weiter begraben. Ajabkhan war anderthalb Jahre alt als er starb, an einer Krankheit die mir niemand beschreiben kann.

Der Friedhof wird durch eine großen, unregelmäßigen Stock markiert, an dem eine grüne Fahne weht, hier angebracht von den Flüchtlingen. Der Spielplatz wird durch eine große Tafel gekennzeichnet, hier angebracht von Arbeitern der Regierung.

„Titel des Projekts: Schafen von Möglichkeiten zur Existenzsicherung für Flüchtlinge in Nord-Afghanistan. Projekt-Code: 02 AFR. Komponente: Spielplatz und sichere Spielumgebung“, steht auf der Tafel in blauen Buchstaben. „Stifter: Amt für Bevölkerung, Flüchtlinge und Migration (Vereinigte Staaten von Amerika)“

Was die Tafel tatsächlich kundtut ist, dass die internationale Unterstützung, die eigentlich helfen soll Afghanistan wieder aufzubauen, tragisch versagt.

Ich bin aus Mazar-e-Sharif hergekommen, das etwa 15 Meilen südlich liegt. Wie die afghanische Hauptstadt, Kabul, ist auch Mazar-e-Sharif in den acht Jahren seit meinem letzten Besuch aufgeblüht: Internetcafés drängen sich an schicke Pizza-Restaurants, alte Männer mit Turbanen verkaufen Handykarten an Straßenecken, rote und rosafarbene Rosen blühen auf den Mittelstreifen, und es gibt die meiste Zeit Elektrizität. Heutzutage sind viele afghanische Städte so.

Aber in weiten Teilen des ländlichen Afghanistans, wie Camp Shahraqi Mawjirin, ist die Zeit stehengeblieben. Acht Jahre nachdem die U.S.-geführte Invasion die Taliban aus dem Großteil des Landes vertrieben hatte ist die Kindersterblichkeit immer noch die zweithöchste, nach Sierra Leone. Vierzehn Kinder sterben hier jede halbe Stunde, Großteils an vermeidbaren Ursachen. Zwei Drittel der Afghanen haben immer noch keinen Zugang zu Trinkwasser, und etwas mehr als ein Viertel aller Erwachsenen kann lesen und schreiben.

Gibt es also etwas unvermeidbares an der Rückkehr in die Ackerländer des afghanischen Nordens? „Wenn es keine Arbeit gibt, und kein Geld, dann werden junge Leute dazu getrieben zu Stehlen, zu Rauben, den Taliban beizutreten“, sagte mir Abdul Ansari, einer der Imame an der Blauen Moschee in Mazar-e-Sharif am Tag vorher. Teils weil die NATO und die internationalen Geber das Gros ihrer Aufmerksamkeit auf den Süden gerichtet haben, und teils wegen der enormen Korruption der Kleptokratie in Kabul, hat die internationale Aufbauhilfe kaum die Dörfer erreicht – und die Projekte die es taten kamen in Form von verqueren, absurden Spenden wie dem Spielplatz in Camp Shahraqi Mawjirin.

Das Camp ist die Heimat von 145 afghanischen Familien, die vor drei Jahren auf den Ruf Präsident Karzais hörten, aus ihrem Exil in Pakistan zurückzukehren, in dem sie seit mehr als 20 Jahren lebten. Sie wurden gelockt von Versprechungen von Unterkunft und Arbeit. Die Regierung gab jeder Familie eine kleine Parzelle Land in dieser salzigen Wüste – Land auf dem nie etwas anderes sprießen wird als Steine und einige dürre Halme grauen Unkrauts. Die Vereinigten Staaten spendeten den Spielplatz, eine Klinik und eine Schule für Jungen.

Die Klinik ist ein schickes Betongebäude, blassblau gestrichen, mit einer Treppe und einer Rampe, die man vorausschauend für Patienten im Rollstuhl angebracht hat. (Ich versuche Meher Ahbuddin, dem Ältesten der Siedlung, die Rampe zu erklären. Er blickt mich leer an. Wer könnte sich hier einen Rollstuhl leisten?) Die Klinik ist absolut kahl: Es gibt keine Medizin, und keine Medizinschränke um sie zu lagern; es gibt keine Stühle, keine Liegen, keine Schreibtische in den Räumen für die Ärzte. Es gibt keine Ärzte – wie es in der Schule auch keine Lehrer gibt. Weisse Farbflocken liegen auf den Schreibtischen und Stühlen. Die Klassenräume strahlen eine unheimliche Stimmung aus, als sei die Schule der Ort einer kürzlichen Nuklearkatastrophe gewesen.

„Es ist als ob wir auf einem Friedhof leben,“ sagt Abdul Samat, etwas Farbe mit der Spitze seiner Sandale zerdrückend.

Das Hauptproblem sei, dass es keine Jobs gäbe, sagt mir Abdul Samat. Das nächste Dorf ist zu Fuss etwa anderthalb Stunden entfernt, und es ist fast so arm wie das Camp. Es gibt ein paar Jobs in Mazar-e-Sharif, aber der Trip in die Stadt kostet 80 US-Cents und geht 30 Minuten über ungeteerte Straßen in einem Laster, der so überladen ist, dass einigen Männern nichts bleibt als in der offenen Tür zu stehen, sich am Dach oder den Fenstern festhaltend während der staubige Wind an den weiten Enden ihrer Shalwar Kameez‘ zerrt. Wenige im Camp Shahraqi Mawjirin können sich die Fahrt leisten.

Weil es keine Arbeit gibt, gibt es auch keine Lebensmittel. Die Leute beschaffen sich aussortiertes, vertrocknetes Brot im Nachbardorf, weichen es in kochendem Wasser auf, und essen die Pampe. Kochendes Wasser ist dabei ebenfalls problematisch. Es gibt kein Brennholz, und die Frauen machen unstete Kochfeuer mit dem trockenen Gras, das ihre Kinder in der Wüste sammeln.

Ich denke an diese Kinder als die Dörfler mir anbieten Tee zu holen. So höflich wie ich kann, sage ich, dass ich nicht durstig bin.

Am Eingang zur Siedlung sehe ich einige Männer mit Handkarren, die Steine schaufeln. Meher Ahbuddin sagt, dass sie versuchen eine Straße zu bauen.

Aber für mich sieht es aus, als arbeiten, einfach um in dieser bewegungslosen, toten Wüste nicht untätig zu sein. Als sie unseren Wagen aus einer Viertelmeile entdecken halten sie inne und schauen, auf ihre Schaufeln gelehnt. Wir sind ein Wunder, eine Erscheinung. Niemand kommt je in einem Auto hierher.

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