Afghanistans Jungs in blau

Posted on 8. März 2011

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Der Original-Artikel erschien auf Foreign Policy: Afghanistan’s Boys in Blue, von Anna Badkhen, 24.04.2010. Der gesammelte Reisebericht ist auch als eBook erhältlich: „Waiting for the Taliban“.

Afghanistans Jungs in blau

SHOLGARA – Die letzten Jahre hat es im Distrikt Sholgara so viele Polizei-Chefs gegeben, dass die Menschen, die in dieser Granitschüssel aus sanft geschwungenen Bergen, die in vielfarbigen Äckern auf den Balkh-Fluss zulaufen, aufgehört haben sie zu zählen. Alles was man erfährt ist, dass Captain Ghawsuddin Tufal seit fünf Monaten der Polizeichef von Sholgara ist.

Wer weiss, wie lange er durchhalten wird?

Man nimmt nicht an, dass die Taliban in Sholgara operieren, aber jemand der behauptet Mitglied der Islamisten-Milizen zu sein hat bereits zweimal auf seinem Handy angerufen, um ihm zu drohen dass er ihn umbringt wenn er nicht aufhört. Um eine Bevölkerung von 100.000 zu schützen hat er Polizei von 45 Männern. Und drei Autos. Und eine einzige Polizeistation am Rand der Innenstadt von Sholgara: ein in der Sonne bratendes, geschottertes Anwesen, wo die Männer, die sich eindrucksvoll 7.62-Gurtmunition umgeschlungen haben, den ganzen Tag an der Mauer stehen und hocken, nach Fliegen schlagend, während der Chef in seinem kleinen Büro kettenraucht.

Die Sessel, die den kleinen Raum ausfüllen, stossen hin und wieder kleine Staubwölkchen aus, als wären die Lungen des Captains und die Bezüge der Möbelstücke irgendwie verbunden.

Ob er erwähnt habe – fragt er zwischen den Zügen – dass er absolut kein Geld erhält um den Sprit für die Polizeiautos zu bezahlen? Wenn jemand die Polizei ruft muss er aus eigener Tasche zahlen. Captain Tufal’s monatliches Gehalt beträgt 400$; eine Gallone Sprit kostet etwa 3,60$.

Die 120 Dörfer in seinem Zuständigkeitsbereich sind ein verwirrendes Kaleidoskop an Ethnien, politischen Bündnissen, Familien- und Dorf-Fehden die so alt sind, dass beide Seiten sich nicht mehr wirklich erinnern können wie sie entstanden sind. Es gibt viel böses Blut hier; es gibt viel vergossenes Blut. In den letzten dreißig Jahren hat in Sholgara jeder gegen jeden gekämpft: Die Mujaheddin kämpften gegen die Sowjets; die Tadschiken kämpften gegen die Usbeken; die Hazaras kämpften gegen die Paschtunen; die Taliban kämpften gegen die Nordallianz; diverse Kriegsherren der Nordallianz bekämpften sich gegenseitig.

Das Kämpfen geht auch heutzutage noch weiter: Vor einigen Monaten, beim am Fluss gelegenen Dorf Siaub, tötete ein ehemaliger Anti-Taliban-Kriegsherr einen anderen. Die Provinz-Polizei ist von Mazar-e-Sharif hergefahren gekommen um ihm festzunehmen; fünf Tage später hat ihn der Staatsanwalt freigelassen.

„Man kann es so ausdrücken: Er hat mächtige Unterstützer,“ sagt Captain Tufal, eine weitere billige koreanische Zigarette aus der Packung fingernd. „Falls ich ihn festnehmen würde, würde ich keinen Tag durchhalten. Dies ist Afghanistan, nicht Amerika.“

Die Menschen in Sholgara rufen die Polizei nicht oft. Einmal riefen sie Captain Tufal als sie einen Vorrat an RPG-Granaten unter einigen Lehmbrocken fanden, neben einem alten T-54-Panzer, der kopfüber auf der ungepflasterten Straße liegt, die Worte „Volk von Sholgara, stimme für Abdullah!“ mit schwarzer Sprühfarbe auf seine verrostete Hülle gekritzelt.

Ein andermal riefen einige Männer an, als sie weiter südlich auf der Straße vier 122mm-Geschosse fanden, verbunden zu einer starken ferngezündeten Sprengfalle. Der Captain weiß nicht, wer die Sprengmittel angebracht hat: vielleicht ein Kriegsherr der versucht einen Rivalen zu töten, oder ein Dörfler der Rache für ein jahrhundertealtes Vergehen sucht.

Im Allgemeinen wendet man sich aber nicht an die Polizei wenn man Sicherheit will. Jeder hier wird einem sagen, dass man der Polizei nicht traut. Und warum sollten sie? Unterwegs von Sholgara nach Mazar-e-Sharif seh ich heute einen Polizisten wie er an einer Kontrollstelle Bestechungsgelder von einem Pickup-Wagen verlangt, auf dessen Ladefläche ein Kamel und einige Leinensäcke festgebunden sind.

„Zu wenig,“ sagt der Beamte dem besorgten usbekischen Fahrer, der ihm durch das runtergekurbelte Autofenster einen abgegriffenen, durchgeschwitzten grünen Geldschein reicht: 10 Afghanis, oder etwa 22 US-Cent. Eine Schlange bildet sich. Männer die hinter dem Kamel-Wagen feststecken nehmen die Hände vom Lenkrad und durchwühlen ihre Taschen nach Scheinen.

An diesem Kontrollpunkt, mitten auf einer Straße, die jederzeit von Banditen belagert werden könnte, von Taliban-Kämpfern, von entführenden Banden, bietet Afghanistans Zentralregierung diesen Menschen keinen Schutz. Stattdessen müssen die Menschen vor ihr geschützt werden. Kein Wunder, dass sie sich an ihre traditionelle, feudalistische Semi-Anarchie ihrer befestigten Dörfer klammern, und dicke Mauern aus Stroh und Lehm um ihre Familien-Anwesen bauen, von Hand. Sie wissen: Letztlich werden das die einzigen Mauern sein die zählen.

Weniger als eine Meile von der Polizeistation von Sholgara wacht eine kleine, 60 Jahre alte Burg über 15 Morgen Ackerland, das zwei Brüdern gehört. Die äußeren Wände sind ockerfarben gestrichen; zuerst dachte ich, die zwei Türme und die schlichten Zinnen seien Verzierung.

Nein, nein, versichern mir die Besitzer, und zeigen mir die gut einen Meter (4 Fuß) dicke Mauer, und die Wehrgänge, die einen 360°-Blick über das Tal bieten. Unser Großvater hat dies gebaut, zum Kämpfen. Um uns zu verteidigen, so dass unsere Häuser nicht geplündert werden und unsere Frauen nicht vergewaltigt werden. Dies ist echt, es kann sehr wirksam genutzt werden, sehen Sie?

Vor wem schützen Sie sich? Frag ich.

Die Bauern mustern mich einen Augenblick, versuchen abzuschätzen ob ich mich dumm stelle.

Dann zuckt einer mit den Schultern, und sie sagen unisono:

„Allen.“

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