Der Feind im Innern

Posted on 16. Juli 2011

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 Der Original-Artikel erschien auf Afghan Quest: The Enemy Within, von Old Blue, 18.06.2011.

Der Feind im Innern

Der in der NYT diskutierte Bericht ist nicht neu. Ich hab den Bericht vor etwa sechs Wochen gelesen, und aus meiner persönlichen Sicht ergibt er Sinn. Führungskräften, die sich auf den Einsatz vorbereiten, würde ich empfehlen ihn zu lesen. Daher bin ich enttäuscht, dass ISAF den Bericht abstreitet statt von ihm zu lernen. Zumindest wirkt es so, als würden sie ihn nicht ernstnehmen. Wäre das der Fall, dann wäre das ein Fehler.

Sicher, die Daten waren dünn und räumlich begrenzt. Die Datenmenge der US-Truppen war noch geringer als die der Afghanen. Von daher hat der Bericht sicherlich Grenzen. Es ist weniger Wissenschaft als eine Einzelfallsammlung… aber als Militärberater („combat advisor“), der mit den Afghanischen Sicherheitskräften (ANSF) zusammengearbeitet hat, klingt der Bericht sehr plausibel. Die NYT berührt kaum den Kern der Sache; der Feind ist in… uns. Es hat sich rausgestellt, dass die meisten Kameraden-Morde nicht das Werk aufständischer Infiltratoren waren, sondern von sehr sehr wütenden ANSF. Es ist leichter mehr Geld in das Filtern der ANSF-Rekruten zu stecken, als es ist sich mit dem tatsächlichen Problem auseinanderzusetzen.

Unser Aufstandsbekämpfungs-Handbuch zählt eine Reihe von Verhaltensweisen auf, die sich historisch als erfolglose Praktiken herausgestellt haben. Eine davon ist „Niedrige Priorität von hochwertigen Beratern“. Spezialeinheiten der Armee haben einen Auswahlprozess, der darauf ausgelegt ist, unter anderem jene herauszufiltern, die für die Arbeit mit Einheimischen nicht geeignet sind. Meine eigene Erfahrung belegt was auch jeder andere nicht-spezialeinheiten Militärberater weiß; wir wurden nicht anhand irgendwelcher Schlüsselkriterien ausgewählt, die man bräuchte um ein guter Militärberater zu sein. Wir waren lebende Körper mit den notwendigen militärischen Fähigkeiten und dem notwendigen Rang. Einige erfüllten nichteinmal diese Voraussetzungen; sie hatten einfach einen Puls. Es gab keine Persönlichkeits-Tests. Es gab keine Stress-Tests. Es gab keinen Auswahlprozess. Einzelne Teamchefs (jene die tatsächlich die Gelegenheit dazu hatten, und einen Pool aus dem sie auswählen konnten) gaben sich manchmal Mühe ein Qualitätsteam zusammenzustellen… meist anhand des Durchgehens von Berichten und durch Interviews, was dem was ein Anführer in Erfahrung bringen kann ziemliche Grenzen setzt. Es war ein Schuss ins Dunkle. Meistens hat es funktioniert. Wir diskutieren was in den anderen Fällen passiert.

Trends zeichneten sich ab. Nationalgardisten haben sich als besonders geeignet für die Beraterrolle herausgestellt. Das heißt nicht, dass Offiziere und Unteroffiziere der regulären Armee nie erfolgreich gewesen wären; es gibt viele Erfolgsgeschichten. Aber, insgesamt, ist die Nationalgarde für die Beraterrolle besser geeignet. Es wird allgemein anerkannt, dass Nationalgardisten durch ihre Einbindung in die Zivilgesellschaft über einen abgerundeteren Erfahrungsschatz verfügen. Hier gibt es einiges was angezapft werden kann; darüber warum das so ist könnte man eine völlig eigenständige Diskussion führen. An dieser Stelle reicht es darauf hinzuweisen, dass uns, die wir eng mit der ANSF zusammengearbeitet haben, mehr als hinreichend bewiesen wurde, dass es Leute gibt, die auf keinen Fall in die Nähe der ANSF gelassen werden sollten. Wir alle haben sie erlegt, Gardisten wie reguläre Soldaten; sie sind eine Gefahr für sich und andere, und manchmal sind Menschen wegen ihnen umgekommen. In diesen letzten Abschnitten geht es um Berater, aber mehr und mehr amerikanische Kampftruppen („line troops“) kommen in ständigen Kontakt mit der ANSF.

Diese tödlichen Zwischenfälle sind nicht neu, aber ihre Zahl ist gestiegen. Der Artikel zitiert den Autor des Berichts, Dr. Bordin, dass solche Kameraden-Morde für 16% der feindverusachten Todesfälle verantwortlich seien. Ich weiß nicht ob das zutrifft, aber jedes andere Problem, dessen Lösung zu 16% weniger Gefallenen führen würde, würde mit Hochdruck angegangen. Nun, es wird angengangen… allerdings das statistisch deutlich weniger wesentliche Problem aufständischen Infiltratoren vorzubeugen. Es scheint, als würde man die Probleme, die zur Mehrzahl solcher Fälle beitragen, weiter schwelen lassen, ignoriert durch die Verantwortlichen. Diese Verantwortlichen können die Methoden der Studie zerreden, sie können die Sprache zerreden, aber ich muss sagen: Die Kernaussage ergibt für mich und viele andere Mentoren Sinn, und sie kann genauso angegangen werden, wie das Militär auch jede andere erkannte Ursache für Verwundungen und Todesfälle angeht: Schwerpunktsetzung durch die Führung („command emphasis“).

Einige Fragen drängen sich auf. Warum würde ein nicht-aufständischer Soldat oder Polizist sich dazu entscheiden, das Feuer auf seine Verbündeten zu eröffnen? Der Bericht weist auf eine Zahl von Gründen hin, wobei Respektbezogenes eine Schlüsselstellung einnimmt. Vulgäre Spache und Verhalten wird aufgezählt.

Afghanen verwenden keine Obszönitäten in ihrer Umgangssprache. Im amerikanischen Militär übersteigt der Gebrauch von Kraftausdrücken sogar jenen der amerikanischen Kultur im allgemeinen (vielleicht mit der Ausnahme von Gangsta-Rap). Das F-Wort wird in amerikanischen Filmen sehr ausgiebig verwendet. Fluchen und Beschimpfen ist eine Kunstform. In der afghanischen Kultur auch nur im Scherz anzudeuten, dass ein Mann Geschlechtsverkehr mit seiner Mutter hat, ist eine so tiefgehende Beleidigung, dass sie tödlichen Zorn hervorrufen kann. Amerikaner nennen sich ständig „Motherfuckers“. Ich hab mitbekommen, wie amerikanische Soldaten Afghanen so angesprochen haben, oder im Gespräch mit anderen Afghanen welche so bezeichneten. Das kriegt der so Bezeichnete mit, und der Groll nimmt seinen Anfang. Das mag wie ein einfaches Mißverständnis wirken, aber es hatte bekanntermaßen schon tödliche Folgen.

Ich habe mitbekommen wie es wegen kulturellen Sachen fast zu Gewalt gekommen wäre. Ich habe gehört wie afghanische Soldaten Todesdrohungen gegen amerikanische Soldaten ausgestoßen haben, weil der amerikanische Soldat sich zu afghanischen Frauen geäußert hat. Der so bedrohte amerikanische Soldat empfand die Wut als scheinheilig. Afghanen schauen sich amerikanische Filme an, und die darin selbstverständlich vorkommende Freizügigkeit. Sie schauen sich auch amerikanische Pornos an. Afghanische Soldaten lieben amerikanische Pornos, und sie betrachten amerikanische Frauen als zügellos („loose“). Der amerikanische Soldat hat zugehört wie sich seine afghanischen Gegenstücke über amerikanische Frauen unterhielten, war irritiert, und sagte dass er Bilder nackter afghanischer Frauen sehen will. Das war alles dessen es bedurfte. Es hätte zu einem Todesfall führen können, aber die Situation wurde entschärft, und der Soldat wurde nachdrücklich ermahnt sich nicht auf solche Diskussionen mit Afghanen einzulassen, aus keinem Grund. Er überlebte. Andere nicht.

Im Grunde ähnelt das Problem Rassismus; Ignoranz und Arroganz vereinigen sich zu einem Eindruck natürlicher Überlegenheit, die nur schwer und manchmal nie zu überwinden ist. Genauso wie viele nicht davon betroffen sind, so gibt es andere die Dinge tun, die sich und andere gefährden. Wir haben eine militärische Kultur, die nicht nur Kraftausdrücke wertschätzt, sondern in der man sich sich auch gerne mit anderen vergleicht. Esprit d‘ corps ist oft darauf aufgebaut, dass man den Mitglieder einer Einheit einimpft, dass sie irgendwie besser oder mehr elite sind als die Mitglieder einer anderen Einheit. Wie soll nun jemand, den man seit dem Ende seiner Jugend erzogen hat, dass man so andere bewertet (insbesondere jene in Uniform), plötzlich dieses Wertesysteme aussetzen weil er in engen täglichen Kontakt mit einheimischen Kräften befohlen wird?

Es ist fast unmöglich. Einige haben die persönlichen Eigenschaften das zu überwinden, aber genug die das nicht können werden in solche knappen Situationen kommen. Einige Anführer, selbst einige Kommandeure, werden die Gefahr erkennen und Maßnahmen erkennen. Genug tun das nicht, und von Oben gibt es keine weitere Betonung, dass es eine Führungsverantwortung ist; solche Bedrohungen in unseren eigenen Rängen zu erkennen und zu entfernen. Das nicht zu tun macht uns anfällig für 16% mehr Gefallene.

Warum ist die Häufigkeit solcher Vorfälle gestiegen? Was hat sich verändert? Eine Betonung des „Partnerings“ mit afghanischen Einheiten, und das Nachlassen im Betonen des Beratens/Mentorings. Der zitierte Bericht zeigt dass ANSF durchgehend positive Eindrücke von amerikanischen Beratern hatten, wie ETTs und PMTs, und neuerdings weniger glücklich mit Amerikanischen Einheiten sind. Reguläre Einheiten Amerikas und der Koalition werden regelmäßig in enge Lebens- und Arbeitsverhältnisse mit der ANSF geschickt. Das ist, insgesamt, etwas Gutes; auch wenn das Beraten heruntergespielt wird (allgemein ist es eine Mischung). Allerdings, da wir die unreifen und arroganten in unserer Mitte haben, gibt es ein größeres Risiko, dass sich gefährliche Situationen ereignen. Was tatsächlich bereits der Fall war.

Auch wenn sich das kulturelle Training verbessert hat, so ist es doch lückenhaft in seiner Betonung auf Sprache und Gesten. Afghanisches kulturelles Training betont oft, dass die linke Hand nicht für Gesten verwendet wird, und legt Wert darauf, dass man nie die Fuß-Unterseite zeigt. Nun, Afghanen winken oft mit der linken Hand, insbesondere wenn die Rechte grad beschäftigt ist… aber sie werden sie einem nie zum Händeschütteln reichen. Sie werden den rechten Unterarm anbieten wenn die rechte Hand nicht frei ist, oder nass oder dreckig. Afghanen schätzen es nicht, wenn das rücksichtslose, rohe oder absichtliche Zeigen der Fußsohle, aber sie sind nicht so pingelig, dass zufällige oder bequemlichkeitsbedingte Bewegungen, welche die Fußsohle entblößen, als Beleidigung gesehen würden.

Während man zuviel Drama um die linke Hand macht werden beleidigende Gesten und Sprache oft übersehen. Afghanen betrachten schmutzige Sprache als sehr geschmacklos und ignorant (selbst wenn sie Analphabeten sind). Schimpfnamen sind absolut tabu und nie akzeptabel. Der erhobene Daumen war eine beleidigende Geste gewesen, aber durch seine häufige amerikanische Verwendung wird er akzeptiert. Allerdings ist das amerikanische Schlagen der Faust gegen die Brust das Äquivalent, einem Afghanen den Stinkefinger zu zeigen, und wird als extrem angreifend betrachtet… aber ich hab erst einen kulturellen Trainer gesehen, der das tatsächlich erklärt hätte. Es ist nicht nur das kulturelle Training, dass verbessert werden könnte, sondern auch wie man dieses Wissen in das Training konkreter Aufgaben einbringt („individual task training“).

Vor kurzem hat eine Einheit der Nationalgarde ihr vor dem Einsatz benötigtes Training konkreter Aufgaben durchgeführt. Eine dieser Aufgabe war das „Durchführen von Gefangenen-Maßnahmen“. Die Betonung lag auf dem Durchsuchen der Gefangenen. Die Trainer waren gut vorbereitet und professionell, und führten die Aufgabe nach gemäß den vorgegebenen, detailierten Standards durch; einschließlich wie ein Mann eine Frau zu durchsuchen hat. Männlichen Soldaten beizubringen wie man Frauen durchsucht setzt ihnen die Idee in den Kopf, dass dies unter irgendwelchen bizarren Umständen akzeptabel sein könnte. Es ist nie; akzeptabel, nie (sagte ich nie?). Es gibt andere Wege mit dem Problem umzugehen. Immer. Unsere Einsatzvorbereitung ist nicht kampforientiert auf den einzigen Kampf, in dem diese jungen Männer kämpfen werden. Wir können das anpassen. Wir können das besser machen indem wir unsere Ausbildung auf die Kampfumgebung anpassen, besonders kulturell.

Am Schluss des Artikels findet sich schließlich folgendes Zitat:

„In dieser Kultur schießen sie zuerst und stellen hinterher die Fragen,“ sagt Lt. Col. David Simons, ein Sprecher der Ausbildungsmission in Afghanistan. „Daheim in den Staaten, wenn sowas passiert, dann haut der Typ einem eine runter und man geht weg und hofft nicht verhaftet zu werden. Aber hier hoffst du einfach, dass du nicht umgebracht wirst.“

Nun, ok… aber teils ist das Mist. Afghanen schätzen das menschliche Leben, und es ist nicht „erst schießen, dann fragen“. Es gibt einen Unterschied, was es wert ist darüber ein Leben zu nehmen. Wenn du einen Afghanen „Motherfucker“ nennst (nur ein Beispiel), und er dich versteht… was bei immer mehr der Fall ist… dann spielst du mit deinem Leben, und womöglich dem deiner Kumpels. Oh, und jeder hat eine Waffe mit der sich ein Leben mit dem Zucken eines Fingers beenden läßt. Nein, die Fragen müssen nicht später beantwortet werden. Du hast bereits alle Fragen beantwortet, die nötig wären um diesen Mann zu überzeugen, dass du, aufgrund aller Werte mit denen er aufgewachsen, ist sterben solltest. Tatsächlich verlangt seine Ehre das sogar. Mit allem nötigen Respekt an LTC Simons, er ist ein Sprecher und kein Berater. Wenn es erst schießen und dann fragen wäre, dann wären viel mehr Berater im Verlauf dieses Krieges gestorben. Ich hab nie befürchtet von den Afghanen mit denen ich arbeitete erschossen zu werden. Das ist ein Cowboy-Zitat, das nicht dabei hilft das Problem zu betrachten. Der Blick aus Camp Eggers beinhaltet nicht die Erfahrung, die nötig wäre um abzuschätzen, worüber man in Afghanistan jemanden umbringen würde, aber da er tatsächlich in Afghanistan ist war es ein saftiges Zitat dass sich in der NYT gut macht. Alles was ich sagen kann ist „Danke, Sir“.

Es sind solche Sachen, die nach Afghansitan gehende junge Männer den Tod aus jeder Ecke erwarten lassen. Respektvoll zu sein wenn man Angst hat ist schwerer als sich der kulturellen Don’ts bewußt zu sein.

Wie bereits angemerkt handelt es sich bei dem Bericht nicht um große Wissenschaft, aber er trifft trotzdem zu. Seine Ergebnisse zu ignorieren bedeutet weiterhin unnötige Verluste zu erleiden. Eine Empfehlung das Risiko zu reduzieren wäre, Kommandeure und Anführer im Allgemeinen zu ermutigen jene Leute aus dem Umgang mit Afghanen zu entfernen, denen es an den nötigen Fähigkeiten fehlt um mit der ANSF zusammenzuarbeiten. Genauso wie jede Einheit verpflichtet ist einen Gleichberechtigungs-Offizier oder -Unteroffizier zu haben, um zu ermitteln und Maßnahmen vorzuschlagen die rassistische und sexistische Vorfälle reduzieren, so sollten ähnliche Anstrengungen unternommen werden um die Risiken zu erkennen und zu reduzieren, die von Soldaten und Anführern ausgehen, die ihre Kameraden durch unangemessene Sprache und Verhalten gefährden. Schulung und Training sind hilfreich, aber wir haben alle gesehen dass das nicht genug ist. Einige Individuen werden sich schlicht nicht anpassen. Manchmal, in den unsterblichen Worten von Offspring, „you gotta keep ‚em seperated“.

Wenn das Ergebnis 16% weniger Gefallene sind, dann sag mir wo diese Bemühungen rausgeworfene Zeit sind.

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